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Beispiellose Rückrufaktion für Brustimplantate

Bei einer Brustvergrößerung wird ein Silikon-Implantat eingesetzt Foto: Ulrich Perrey/ ArchivGroßansicht

Paris (dpa) - Für viele Französinnen ist der Traum vom schönen Busen zum Alptraum geworden. Sie legten sich vertrauensvoll für die Schönheit unters Messer und müssen nun erneut operiert werden. Die Billig-Implantate wurden auch nach Deutschland exportiert.

In einer beispiellosen Aktion empfahl das französische Gesundheitsministerium 30 000 Frauen eine vorsorgliche Entfernung von Billig-Brustimplantaten - auch wenn die Regierung keine Gefahr eines erhöhten Krebsrisikos sieht. Gesundheitsminister Xavier Bertrand riet betroffenen Frauen am Freitag zur OP. Die Empfehlung sei «rein vorsorglich und ohne Dringlichkeit», teilte das Ministerium mit. Eine solch staatlich initiierte Rückruf-Aktion gab es im Bereich der Schönheitschirurgie noch nie. In Frankreich waren acht Krebsfälle nach gerissenen Implantaten bekanntgeworden.

Verunsicherte Frauen in Deutschland sollten «zur individuellen Risikoabwägung» noch mal mit dem Arzt sprechen, der das Implantat eingesetzt habe, riet der Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Maik Pommer. Die Vermarktung, den Vertrieb und die weitere Verwendung der Brustimplantate hatte Frankreich dem Hersteller Poly Implant Prothese (PIP) bereits im April 2010 europaweit untersagt. Das BfArM hatte schon damals Ärzte in Deutschland aufgefordert, sich zu melden und Frauen mit diesen Implantaten anzusprechen. «Ein Großteil der betroffenen Patientinnen in Deutschland dürfte damit bereits 2010 informiert worden sein», sagte Pommer der Nachrichtenagentur dpa.

Seit 2004 seien in Deutschland 19 Fälle von gerissenen PIP-Implantaten bekanntgeworden. Hier gebe es aber keine Krebsfälle wie in Frankreich, betonte Pommer. «Es ist nicht auszuschließen, dass wir uns der generellen Empfehlung der französischen Behörden anschließen, sollte sich das Risiko in dieser Form auch für Deutschland bestätigen.» Wann diese Entscheidung fallen werde, stehe noch nicht fest. Das BfArm sei mit Frankreichs Behörden in Kontakt. Zum Krebsrisiko seien am Freitag aber keine neuen Erkenntnisse mehr zu erwarten. Für die Zählung der in Deutschland eingesetzten PIP-Implantate ist das BfArm nach eigenen Angaben nicht zuständig.

In der Regel erhalte eine Frau nach dem Einsetzen eines Silikonimplantats ein Papier mit dem Namen des Hersteller, erläuterte das Bundesinstitut. Betroffen seien neben den Brustimplantaten des Herstellers PIP auch die sogenannten M-Implantate der Firma Rofil Medical Nederland B.V., die identisch mit den PIP-Produkten seien.

Der Hersteller Poly Implant Prothèse war bereits 2010 pleite gegangen. Angeblich war das verwendete Silikon eigentlich zur Herstellung von Matratzen vorgesehen. Die französischen Ermittler vermuten, das Unternehmen habe seine Kosten reduzieren wollen und deshalb billiges Gel eingekauft, wodurch angeblich eine Million Euro pro Jahr eingespart worden seien.

Das Gesundheitsministerium in Paris ließ sich bei seiner Empfehlung von Experten des nationalen Krebsinstituts beraten, die allerdings keine erhöhte Krebsgefahr durch die Billig-Implantate feststellten. Sorge haben in Frankreich vor allen die acht Fälle von Tumorerkrankungen bei Frauen ausgelöst, deren Implantate gerissen waren und bei denen sich Silikonteile im Körper verbreitet hatten.

Mehr als 2000 Frauen haben seit März 2010 in Frankreich wegen der defekten Implantate vor Gericht geklagt. Bei einigen Frauen lösten undichte Prothesen Entzündungen im Körper aus. Etwa 500 Frauen haben sich bereits auf Raten ihrer Ärzte freiwillig ihre Einlagen wieder herausoperieren lassen. Sie waren durch die Berichte verunsichert und wollten keine «Zeitbomben im Körper» haben. Auch das Ministerium riet nun zur OP, selbst wenn die Silikonkissen noch keine Defekte oder Risse zeigen sollten.

In Frankreich war der Druck auf den Staat in den vergangenen Monaten gestiegen. Vor dem Gesundheitsministerium demonstrierten täglich Trägerinnen der minderwertigen Prothesen. Viele von ihnen haben sich in einer Opfervereinigung zusammengeschlossen, die die Empfehlung des Ministers nun als Sieg feiern. Mit seiner Empfehlung hat der Staat auch die Pflicht übernommen, die Kosten für die Entfernung der PIP-Implantate für Frauen in Frankreich zu übernehmen.

Solange die Silikonkissen intakt sind, dauert ein derartiger Eingriff nach Angaben des Chirurgen der Gesellschaft Emmanuel Delay etwa eine Stunde. Kompliziert werde es, wenn ausgelaufenes Silikon Entzündungen verursacht habe. Medienberichten zufolge wurden die Einlagen in etwa 80 Prozent aller Fälle bei reinen Schönheitsoperationen eingesetzt.

Auch in Großbritannien sind mehr als 250 Frauen mit PIP-Einlagen gegen Krankenhäuser und Ärzte vor Gericht gezogen. Exportiert wurden die Silikon-Kissen in mehr als 65 Länder, hauptsächlich jedoch nach Lateinamerika. Weltweit sollen nach Schätzungen des «Figaro» etwa 300 000 Frauen die minderwertigen Silikon-Implantate erhalten haben.

Gesundheit / Krebs / Prozesse / Frankreich
23.12.2011 · 17:41 Uhr
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