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Befreites Libyen hofft auf Einheit und Versöhnung

Dschalil feiert mit RebellenGroßansicht

Tripolis/Kairo (dpa) - Der libysche Übergangsrat hat das Land nach 42 Jahren Diktatur von Muammar al-Gaddafi für befreit erklärt.

Während eines Festaktes drei Tage nach dem Tod des Ex-Machthabers mit zehntausenden Menschen in Bengasi verkündete der Ratsvorsitzende, Mustafa Abdul Dschalil, am Sonntag offiziell den Sieg über das Gaddafi-Regime. Dschalil rief seine Landsleute zu Einheit, Versöhnung, Geduld und Toleranz auf. Außerdem versprach er Rechtsstaatlichkeit sowie die Einhaltung von Menschenrechten. Die Basis für das neue Libyen soll die islamische Rechtsprechung sein.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) gratulierte den Libyern zur Befreiung vom Regime Gaddafis. «Heute hat für Libyen eine neue Zeitrechnung begonnen. Angst und Unterdrückung sind der Hoffnung auf Frieden und Freiheit gewichen», sagte Westerwelle am Sonntag nach Angaben des Auswärtigen Amtes. Westerwelle rief die Libyer zur Einheit und Aussöhnung auf.

«Hebt Eure Köpfe. Ihr seid frei, Libyer», rief der Vize-Chef des Übergangsrates, Abdulhafis Ghoga, in die begeisterte Menge. Der Ratsvorsitzende Dschalil dankte auch der Nato sowie der Europäischen Union für die Hilfe bei der Befreiung. Wie erwartet, kündigte Dschalil eine stärkere islamische Orientierung Libyens in der Zukunft an. «Bei uns ist das islamische Recht die Grundlage der Rechtsordnung. Ein Gesetz, das dem islamischen Recht widerspricht, ist null und nichtig.»

In diesem Sinne werde auch das geltende libysche Eherecht abgeschafft, dass die Zahl der Frauen für einen Muslim begrenze. Man werde auch islamische Banken gründen, die keine Zinsen verlangen, versprach Dschalil. Die Armee werde künftig nur noch zur Verteidigung des Landes eingesetzt. Angesichts der Differenzen zwischen Stämmen, politischen Gruppierungen, Milizen und Landesteilen warnte Dschalil vor einer Spaltung des Landes. «Wir sind alle Brüder geworden, was wir lange Zeit nicht waren.»

Auf dem Festplatz in Bengasi, wo der Aufstand gegen Gaddafi vor acht Monaten begonnen hatte, schwenkten begeisterte Menschen Fahnen. Viele tanzten auf den Straßen, wie auf Fernsehbildern zu sehen war.

Nun soll binnen 30 Tagen eine provisorische Regierung gebildet werden. Diese solle dann bis Juni 2012 Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung vorbereiten, kündigte Dschalil an. Dieses Gremium soll eine Verfassung ausarbeiten, auf deren Grundlage innerhalb eines Jahres ein Parlament und ein Präsident gewählt werden.

Noch vor den Feiern wurde der Streit um die Leiche des Ex-Diktators vorerst beigelegt. Die Leichen Gaddafis und seines Sohnes Mutassim sollen nun an Angehörige übergeben werden, statt wie ursprünglich geplant an einem unbekannten Ort vergraben zu werden.

Der Chef der libyschen Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, sagte in einem BBC-Interview, er hätte den Ex-Diktator lieber lebend gefasst und vor Gericht gebracht. «Ich will wissen, warum er dem libyschen Volk das angetan hat. Ich wünschte, ich wäre sein Ankläger in seinem Prozess», sagte Dschibril. Er begrüße eine gründliche Untersuchung der Vorfälle um Gaddafis Tod durch die Vereinten Nationen.

Auch US-Außenministerin Hillary Clinton unterstützt die Forderung nach einer Untersuchung der genauen Todesumstände. Dem Fernsehsender NBC sagte Clinton am Sonntag, diese Aufklärung sei Teil des Übergangs von einer Diktatur zu einer Demokratie. Sie rief auch zur Versöhnung auf: «Jeder, der Teil des alten Regimes war und an dessen Händen kein Blut haftet, sollte sicher und in ein neues Libyen miteinbezogen sein.»

Ein enger Mitarbeiter Gaddafis schilderte in Interviews, wie der einstige Machthaber seine letzte Tage verbrachte. Er habe viel im Koran gelesen sowie Nudeln und Reis gegessen, die seine Helfer aus verlassenen Häusern herbeigeschafft hatten. Zudem habe er sich beschwert, dass es in der zerschossenen Stadt Sirte keinen Strom gab. Der einstige Machthaber habe nie verstanden, warum sich die Libyer gegen ihn erhoben hätten, sagte Mansur Dhao Ibrahim der «New York Times».

Gaddafi war diesen Angaben zufolge bis zuletzt bewaffnet gewesen, habe aber nie einen Schuss abgefeuert. Kontakt zur Außenwelt habe er zum Schluss nur über sein Satellitentelefon gehabt, mit dem er TV- oder Radiosender anrief. Immer wieder habe Gaddafi in der verwüsteten Stadt, in der er häufig die Häuser wechselte, geklagt: «Warum gibt es keinen Strom? Warum gibt es kein Wasser?»

Der letzte noch in Libyen untergetauchte Sohn von Ex-Machthaber Gaddafi will den Kampf fortsetzen. In einer kurzen Audiobotschaft beschimpfte Gaddafis Lieblingssohn Saif al-Islam außerdem die Nato, die zum Sturz des Regimes beigetragen hatte. «Geht zur Hölle Ihr Ratten und Nato», zitierte der arabische Nachrichtensender Al-Arabija am Sonntag den Gaddafi-Sohn. Auch dessen Vater hatte die früheren Oppositionstruppen und heutigen neuen Machthaber in Libyen regelmäßig als Ratten verunglimpft.

Links zum Thema
Artikel New York Times
Konflikte / Libyen
24.10.2011 · 07:59 Uhr
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