News
 

Auslandspresse reagiert mit Verwunderung

Hamburg (dpa) - Im Ausland ist der Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler mit Sorge und Verständnislosigkeit aufgenommen worden. Die ausländische Presse sieht darin vor allem einen herben Rückschlag für Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Aber auch Köhlers «Dünnhäutigkeit» wurde in den Kommentaren am Dienstag zum Teil heftig kritisiert.

«In weniger als einer Woche verliert Merkel einen wichtigen konservativen Verbündeten. Am vergangenen Dienstag war es der einflussreiche Ministerpräsident der Region Hessen, Roland Koch, der das Handtuch warf», schreibt die Brüsseler Tageszeitung Le Soir.

«Eine schlechte Nachricht für die Kanzlerin, die bereits mit sinkenden Popularitätswerten und einem wenig umgänglichen Koalitionspartner konfrontiert ist», meint die französische Tageszeitung «Le Figaro». Der «Parisien» bezeichnete den Rücktritt ebenfalls als «harten Schlag» für Merkel.

Der Rücktritt Köhlers werde den Führungsanspruch Merkels weiter schwächen und eine neue Debatte über den Afghanistan-Einsatz in Deutschland auslösen. Die Aufgabe, einen neuen Präsidenten zu finden, werde Merkel riesige Anstrengungen kosten», meint die konservative britische Zeitung «The Times». Die linksliberale Zeitung «The Guardian» sieht nun die CDU-Kanzlerin in einem politischen Vakuum.

Ein Rückschlag für die Bundeskanzlerin, die gerade ihre heikelsten Momente durchmacht», meint auch die spanische «El País». Drastischer kommentiert «El Mundo» (Madrid): «Der Rücktritt Köhlers hat ein politisches Erdbeben in Berlin ausgelöst.»

Einige Medien sehen gar die Stabilität Europas gefährdet. Die linksliberale römische Tageszeitung «La Repubblica» sieht eine «ernste institutionelle Krise» in Deutschland - mehr noch: «Das Herz Europas ist durch politische Instabilität gefährdet - im schlechtesten Moment für alle».

Auch mit Kritik an Köhler wird nicht gespart. «Ein schwacher Abgang», hieß es in Schweizer Medien, und die spanische «El Periódico de Catalunya» (Barcelona) schreibt: «Köhler hat immer gesagt, er wolle ein unbequemer Präsident sein. Anscheinend war er aber nicht auf die Konsequenzen vorbereitet.»

«Zu viel Dünnhäutigkeit» meint auch die Wiener Zeitung «Die Presse»: «Nein, Horst Köhler ist kein Mann des Wortes. Und so war sein Abtritt symptomatisch für die sechs Jahre, die er versucht hatte, sich im Amt des deutschen Staatsoberhaupts zurechtzufinden.»

Die polnische Tageszeitung «Rzeczpospolita» kommentiert fast ungehalten: «Horst Köhler hat die vernichtende Kritik nicht ausgehalten. (...) Er hat das Amt in einer Zeit verlassen, in der sich das Schicksal des Euro und die Zukunft der Währungsunion entscheidet (...). Köhlers Ziel war es, das höchste Staatsamt würdig auszuüben. Das ist aber keine Aufgabe für Überempfindliche.»

«Auch ein deutscher Bundespräsident agiert nicht im politikfreien Raum. Sein Amt ist eine Verpflichtung, und wer dieser nicht mit einem Mindestmaß an Resonanz nachkommt, wird sich nicht wundern müssen, wenn er mit der Zeit in das Räderwerk des parteipolitischen Dauerstreits gerät», meint die «Neue Zürcher Zeitung». «Schade um die Person. Aber auch schade um das Amt.»

Moskaus Zeitungen beschränkten sich vor allem darauf, die aus russischer Sicht komplizierten Hintergründe des Rücktritts zu erklären. «Iswestija» schreibt: «Gestern platzte in Berlin eine politische Bombe. (...) «Deutschland steht vor erbitterten politischen Kämpfen.» In den großen amerikanischen Medien fand Köhlers Rücktritt am Dienstag kaum Echo - dort dominierte zunächst das Thema Israel und Gaza.

Die chinesische Regierung bedauerte den Rücktritt von Köhler. «Er ist ein alter Freund Chinas», sagte der Sprecher des Außenministeriums, Ma Zhaoxu, in Peking. Er würdigte den «großen Beitrag» Köhlers für die Entwicklung des gegenseitigen Verständnisses und die freundschaftliche Kooperation beider Länder.

Bundespräsident / Reaktionen / Medien
01.06.2010 · 13:46 Uhr
[3 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

 

News-Archiv

 
Diese Woche
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen