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Ausländerquote - Mit dem braunen Rechen durch den Kleingarten

Schrebergärten, Idylle am Rande der Stadt. Fernab jeglichen Ärgers, irgendwo zwischen Kirschbäumen, kleinen Holzhütten, dem perfekten Steingrill, liebevoll gestalteten Teichen und aufgeräumten Beeten, da ist die Welt in Ordnung. Da darf man sein, wer man ist und die Probleme aus der Großstadt, die Schlagzeilen der Zeitungen, Fernseh- und Radionachrichten haben hier keinen Platz. Nirgends ist die Welt heiler, außer vielleicht in Volksmusiktexten. Könnte man meinen. Doch der Schein trügt.

Eine Kleingartenanlage im schleswig-holsteinischen Norderstedt ist in ein Fettnäpfchen getreten, das so groß ist wie ein Swimmingpool. Bei einer Mitgliederversammlung im Oktober haben sich die eifrigen Hobbygärtner für eine Migrantenquote ausgesprochen. Nur noch neun der insgesamt 73 Schreberflächen sollten an Interessierte mit ausländischen Wurzeln vergeben werden.

Die Botschaft ist deutlich: Ausländer ja, aber bitte so wenig wie möglich. Die Hobbygärtner legten bei ihrer Beschlusssitzung auch die Nationalitäten ihrer Kleingartennachbarn fest. 25 Prozent Türken und Araber, 25 Prozent aus Osteuropa und die andere Hälfte für Vertreter anderer Nationen.

Norderstedts Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote (CDU) zeigte sich entsetzt: «Der Beschluss verstößt gegen das Antidiskriminierungsgesetz.» Deshalb forderte er eine erneute Abstimmung, in der sich die Mitglieder von der zuvor beschlossenen Migrantenquote distanzieren sollten. Dazu kam es Donnerstagabend auch. Bei einem erneuten Treffen aller Vereinsmitglieder wurde die zuvor beschlossene Migrantenquote für unsinnig erklärt und zurückgenommen.

Das war nicht anders zu ertwarten, denn hätten die Mitglieder der Norderstedter Kleingartenanlage weiterhin an ihrem fragwürdigen Beschluss festgehalten, wäre es möglicherweise zu einer Kündigung des Pachtvertrags gekommen. Der Vorsitzende des Norderstedter Kleingartenvereins, Gerd Kühl, war in den vergangenen Wochen sehr schweigsam. Nur seine Frau erklärte am Telefon, dass die ganze Sache schlecht gelaufen sei. Gestern Abend jedoch entschuldigte sich Kühl bei den ausländischen Kleingartennachbarn.

Die Geister, die sie riefen

Im Internet solidarisieren sich derweil rechtsgesinnte Organisationen wie die «Freien Nationalisten» mit dem Kleingartenverein. Auch der NDP-Landesverband in Sachsen-Anhalt berichtet auf seiner Seite von dem Vorfall. Keines der Vereinsmitglieder dürfte geahnt haben, welche gefährlichen Anhänger man durch die geplante Migrantenquote auf den Plan rufen werde.

«Wir als Verein entschuldigen uns für das, was hier passiert ist. Aber wir lassen nicht zu, dass jetzt eine Million Kleingärtnerfamilien über einen Kamm geschert werden», sagt der Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde, Norbert Franke, zu news.de. Er hatte in den vergangenen Tagen mit den Verantwortlichen vor Ort gesprochen und weiß, dass der Beschluss an einem Abend gefasst wurde, an dem alle Mitglieder bei Grünkohl und Bier gemütlich beisammen saßen.

Bei der gestrigen Sitzung wehrte sich der Verein gegen den Vorwurf, ausländerfeindlich zu sein. «Das sind wir nicht, bei allen Darstellungen, die es gegeben hat», sagte eines der Mitglieder. Einige Gärtner sollen jedoch die Migrantenquote nach wie vor für sinnvoll halten. Franke stellte schon im Vorfeld klar, dass der Norderstedter Kleingartenverein aus dem Verbund der Gartenfreunde ausgeschlossen werden würde, wenn dieser bei der erneuten Abstimmung zur Migrantenquote daran festgehalten hätte. Nun ginge es vor allem darum, «zu verhindern, dass hier bestimmte Dinge außer Kontrolle geraten».

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? «Ich denke, die Ausländerquote im Kleingarten ist einfach Ausdruck einer hinterwäldlerischen vernagelten Mentalität, unter der die Migranten leiden», so die Sprecherin des Projekts Interkulturelle Gärten, Christa Müller, zu news.de. In mehr als 120 Gärten bringt sie Deutsche und Migranten zusammen, ermöglicht ihnen das Kennenlernen und sorgt so dafür, dass Vorurteile und Berührungsängste, die auf beiden Seiten vorhanden sind, verschwinden.

«Was in Norderstedt passiert ist, ist eigentlich traurig für alle Beteiligten», so Müller zu news.de. Die Verantwortlichen dürften nicht nur Pächter sein, die darauf achten, dass am Ende die Kasse stimmt. Müller weiter: «Selbstverständlich haben die Betreiber einer solchen Gartenanlage auch die Pflicht, das soziale Miteinander vor Ort zu gestalten.» Dafür sei es wichtig, den Minderheiten mit der Großzügigkeit der Mehrheitszugehörigkeit zu begegnen.

«Es gilt, herauszufinden, wie die Minderheit die größere Gruppe bereichern kann», so Müller. Damit das gelingt, hat die Stadt Norderstedt dem Gartenverein nun Hilfe zur besseren Verständigung untereinander angeboten. Auch eine Integrationsbeauftragte soll den Vereinsmitglieder dabei helfen, aufeinander zuzugehen.

[news.de] · 16.12.2011 · 10:30 Uhr
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