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Aufstieg in Meisterklasse: Löw prägt neuen Stil

Bundestrainer Joachim Löw : Sein hellblauer Pullover war schon vor dem WM-Halbfinale weltweit bekannt - noch viel mehr aber begeistert sich die Fußball-Welt am Träger des Shirts.Großansicht
Durban (dpa) - Sein hellblauer Pullover war schon vor dem WM-Halbfinale weltweit bekannt - noch viel mehr aber begeistert sich die Fußball-Welt am Träger des Shirts. Experten, Fans und sogar die Konkurrenz sind beeindruckt von Joachim Löw.

Der 50-Jährige hat die jüngste deutsche WM-Nationalmannschaft seit 76 Jahren im Express-Tempo in die Weltspitze katapultiert. Souverän präsentiert sich der Schwarzwälder auf dem internationalen Parkett, seine Analysen sind messerscharf. Und er hat einen neuen Stil geprägt, der den Fußball in eine ganz neue Richtung lenken könnte.

Löw hat nicht nur die Fußball-Philosophie des DFB-Erneuerers Jürgen Klinsmann mitgeprägt und übernommen, er hat sie in den vergangenen zwei Jahren verfeinert und sogar revolutioniert. «Wir wollen den Gegner spielerisch in Verlegenheit bringen und nicht durch Rennen und Kämpfen», heißt eine zentrale Doktrin des Bundestrainers, die aber schon seit 2004 gilt. Die entscheidende Korrektur seiner Philosophie, der er alles unterordnet, vollzog Löw nach dem verlorenen EM-Finale 2008 gegen Spanien (0:1). «Da waren wir ohne Chance», erkannte der Freiburger - und zog seine Schlüsse.

«Eine Erkenntnis war für uns, dass der Altersschnitt relativ niedrig sein muss, denn die jungen Spieler sind hoch belastbar», benannte Löw den zentralen Punkt seines neuen «Drehbuches», dass er für Südafrika neu schrieb. In der Schweiz und Österreich hatten sich Routiniers wie Christoph Metzelder oder Torsten Frings mit vielen Abnutzungs-Erscheinungen und Blessuren durch die EM geschleppt. Zwar durchaus heldenhaft bis zum Finale - aber dort war Endstation.

Die Verjüngung sah Löw seither als wichtigste Aufgabe. Nach Südafrika reiste er mit einem Team, das im Durchschnitt nicht einmal 25 Jahre alt ist. In Manuel Neuer (24), Dennis Aogo (23), Holger Badstuber (21), Jérome Boateng (21), Marcell Jansen (24), Serdar Tasci (23), Sami Khedira (23), Toni Kroos (20), Marko Marin (21) und Thomas Müller (20) nahm Löw gleich zehn Spieler mit, die gerade erst dem U 21-Junioren-Alter entwachsen sind. Inzwischen verkündete der DFB-Chefcoach sogar: «Wenn junge Spieler über eine gute Qualität verfügen, dann spielt Erfahrung eine untergeordnete Rolle.»

Dass diese These vom aktuellen Team untermauert wird, macht sie zukunftsweisend. Hoher Trainingsumfang und hohe Übungsintensitäten bis ins Turnier hinein - mit älteren Spielern, die schon über ihren Leistungszenit hinaus sind, wäre das nicht zu bewerkstelligen. Diese Spieler seien auch von der Motivation «vielleicht nicht immer bei hundert Prozent», hat der Drehbuch-Autor erkannt und bekam durch die schwachen Vorstellungen der «alten» Teams von Italien und Frankreich Recht. «Wir haben nach der Saison die Intensität sogar noch etwas gesteigert. Da brauchst du eine hohe Regenerationsfähigkeit», betonte Löw, der in Südafrika in die Trainer-Meisterklasse aufgestiegen ist.

Weitere zentrale Punkte seines Konzeptes, das möglicherweise bald Nachahmer in Trainerkreisen finden wird, sind die Arbeit auf dem Trainingsplatz und die Gegner-Analyse. «Jogi fühlt sich am wohlsten auf dem Platz», bemerkte Manager Oliver Bierhoff. Trotz seiner Rolle als Mastermind, als Kopf des gesamten Unternehmens Nationalteam, ist Löw auch weiter ein Stück der klassische Fußball-Trainer mit einer Trillerpfeife um den Hals. Löw lässt viel positionsspezifisch trainieren, immer und immer wieder übt er mit seinem Personal direktes Spiel im höchstem Tempo.

Die Vorarbeit lief über Monate. Chefscout Urs Sielgenthaler und Studenten der Sporthochschule Köln ermittelten jede Einzelheit anderer Mannschaften. England und Argentinien hat Löw auch dadurch überrumpelt, dass er die Stärken und Schwächen der Kontrahenten hundertprozentig analysierte - und ein Gegen-Rezept entwickelte.

«Diese Klarheit, die ich in der Analyse der Spiele sehe, habe ich noch nicht gesehen», lobte der als Profi und Manager turniererfahrene Bierhoff und schloss dabei auch die Auswertung der eigenen Partien mit ein. Als «Wettkampftrainer» sieht sich Löw selbst, auch als «Prozesstrainer» und als «ästhetischer Trainer», der guten Fußball sehen und über Kampf und Einsatz nur am Rande sprechen will. «Wer Weltmeister werden will, darf das Spiel nicht mehr verwalten und kontrollieren wollen.»

Blinde Rennerei und aggressives Attackieren des Gegners sind für seine Spieler tabu. Offensive, Laufwege, hoher Rhythmus auch ohne Ball - darauf setzt Löw. Seine Jugend-Fraktion folgt ihm: «Über die gemeinsamen Wochen haben auch die Spieler gesehen: Wir werden sicherer, wir werden besser.» Und abgeschlossen ist diese Entwicklung noch lange nicht. «Ich liebe es, dass Fußball zelebriert wird.»

Fußball / WM / Löw / Deutschland / Spanien
07.07.2010 · 13:55 Uhr
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