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Aufruhr im Internet - Generation Rebellion

Früher sind die Menschen rausgegangen, auf die Straße. Bei Wind und Wetter haben sie ihre Forderungen den Mächtigen dieser Welt entgegengeschrien, ihre Schilder gen Himmel gestreckt und ihrem Frust Luft gemacht. Damals trugen Proteste noch Tausende Gesichter. Zum Teil ist das auch heute noch so. Doch die Protestkultur, nicht nur in Deutschland, hat sich verändert.

Neu ist, dass sie sich nicht nur im Internet organisiert, sondern auch fast ausschließlich dort gelebt wird. Aber kann das funktionieren? Kann Kritik wirklich die erreichen, an die sie gerichtet ist, wenn sich die, die sie äußern, hinter anonymen Profilen verstecken? Und welchen Wert hat ein geklicktes «gefällt mir» hinter dem Namen einer Facebook-Gruppe, die sich zwar offen, aber doch nur virtuell gegen ein Problem unserer Gesellschaft ausspricht?

Das Internet - die Waffe der Jugend?

Besonders die jungen Menschen in der arabischen Welt greifen auf die kommunikative Macht des Internets zurück: Der arabische Frühling, also die Widerstände in Ägypten, Syrien oder dem Iran zum Beispiel, wurde und wird fast ausschließlich im Netz organisiert.

Bewaffnet mit Smartphone und Laptop sind sie Sprachrohr einer Generation, deren höchstes Gut das der Freiheit ist. Ob auf Blogs, Facebook oder Twitter - in Arabien ist das Internet längst wichtigstes Mittel zum friedlichen Aufbegehren geworden. Darüber hinaus erfüllt es dort noch eine andere wichtige Aufgabe.

Dass geplante Friedensbewegungen oftmals mit unverhältnismäßiger Militärgewalt niedergerungen werden, dokumentieren die Jungrevolutionäre akribisch. Dank Smartphones und Internetanbindung landen die Bewegtbilder binnen Sekunden auf Videoportalen. Weil Nachrichtendienste selten oder gar nicht an aktuelles Material gelangen, trägt die gut organisierte Jugend gleichzeitig auch zum Informationsaustausch bei.

Guttenberg, seine Fans und ein Rückhalt, der keiner war

Auch in Deutschland nutzt eine neue politisch motivierte Jugend die Mittel, die ihr das Internet bietet, um Stimmung zu machen. Doch nur Wenige derer, die sich ihrer Meinung in den Gruppen Ausdruck verleihen, stehen am verabredeten Tag X auch tatsächlich auf der Straße. Es scheint, als hätte sich die Überzeugung festgesetzt, der Protest im Netz reicht aus, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Den Fans von Karl-Theodor zu Guttenberg etwa ist es so ergangen: Diese sammelten sich zu Hunderttausenden in Facebook-Gruppen, um ihrem Lieblingspolitiker durch dessen Plagiatsaffäre zu begleiten. An einem Samstag vor ziemlich genau einem Jahr wollten sich in ganz Deutschland Guttenberg-Anhänger auf öffentlichen Plätzen treffen. Doch es kam anders, als erwartet.

In Hamburg versammelten sich rund 150 Menschen, in Berlin nur einige Dutzend. Und in Leipzig fanden sich nicht einmal eine handvoll Menschen ein, obwohl die Solidaritätsbekundungen über Wochen hinweg im Netz geplant wurden. Nie war die Kluft zwischen der im Internet gesammelten Stimmen und den sich tatsächlich auf der Straße versammelten Unterstützern größer.

Auch dieser Tage wird die Macht des Internets genutzt, um Stimmung zu machen: Joachim Gauck erntet plötzlich heftig Kritik für einzelne Aussagen zu wichtigen Themen wie Vorratsdatenspeicherung, Thilo Sarrazin oder den Protestbewegungen zur Bankenkrise. Binnen weniger Stunden wurden am vergangenen Sonntag und darauffolgenden Montag einzelne Aussagen von Gauck im Netz verbreitet, die ein tendenziell negatives Bild vom designierten Bundespräsidenten zeichnen sollen.

Generation Rebellion - Alle eins oder doch nicht?

Obwohl «das Internet» keine homogene Masse ist, sind es gerade Netzthemen wie Acta, die alle Menschen vor den Monitoren einen. Am kommenden Wochenende sollen erneut deutschlandweite Proteste gegen das Urheberrechtsabkommen.

An dem Gesetzesentwurf wird unter anderem kritisiert, dass er Internetzensur betreibe, die Entwicklung von Innovationen ausbremse und es überhaupt an elementarer Rechtsklarheit in vielen strittigen Punkten mangele. Eines hat die Aufruhr im Netz schon jetzt geschafft: Die Bundesregierung schiebt eine endgültige Zustimmung des Abkommens vor sich her. Neue Proteste sollen die anhaltende Unzufriedenheit mit Acta einmal mehr deutlich machen.

Ähnlich wie bei den weltweiten Bankenprotesten, also der Occupy-Bewegung, und den Anonymous-Aktivisten, werden auch bei den bevorstehenden Acta-Protesten wieder viele Mitstreiter die bekannte Guy-Fawkes-Maske tragen. Sie ist zum Symbol einer Widerstandsbewegung geworden.

Doch so beeindruckend die Wirkung von Protestmärschen, auf denen Masken wie diese die Gesichter der Mitstreiter zieren, auch ist: Dieses Symbol steht für die vielleicht wichtigste Entwicklung innerhalb einer neuen noch jungen Protestkultur, die das Internet formt. Anonym zu protestieren ist einfach. Doch vergangene Proteste und solche, wie sie derzeit in der arabischen Welt stattfinden, zeigen, wie wichtig es ist, sein Gesicht zu zeigen und sich nicht zu verstecken.

[news.de] · 24.02.2012 · 09:59 Uhr
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