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Aufklärung statt Häme: Die Medien und der Fall Käßmann

Margot KäßmannGroßansicht
Hamburg (dpa) - «Um Gottes Willen», titelte die «Frankfurter Rundschau». «Der Fall Margot Käßmann», hieß es doppeldeutig über dem «Welt»-Aufmacher.

Die Münchner «Abendzeitung» zeigte die Bischöfin mit ausgebreiteten Armen im Talar - darunter: «Die Promille- Sünderin». Und schlicht «Die Alkohol-Nacht» prangte am Mittwoch auf Seite eins der «Bild». Am Tag, nachdem die Boulevardzeitung die Promillefahrt der obersten Protestantin öffentlich machte, widmeten die Zeitungen dem Thema nicht nur häufig den Aufmacher, sondern mehrere Seiten. Doch wenig Skandal und Häme waren zu lesen, eher Analysen, Leitartikel und aufklärende Stücke. Zum Skandal taugt der Fall kaum - der Rücktritt ändert daran wenig.

«Das hängt auch mit ihrer Reaktion zusammen. Mit dem schnellen Schuldeingeständnis hat sie der Häme vorgebeugt», sagte die Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher vom Hamburger Hans-Bredow- Institut im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Hätte sie lange drum herum geredet und sich rausgewunden, wären die Berichte viel hämischer.»

Außerdem sei die Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Sympathieträgerin. «Käßmann hat es immer schon geschafft, mit Negativtendenzen umzugehen. Die Scheidung hat ja auch an ihr gekratzt.» Doch mit dem damaligen Eingeständnis, an einer Scheidung seien immer beide Partner mitschuldig, habe sie viel Verständnis geerntet. «Diese Haltung des Nicht-Vertuschens hat zu einer Vermenschlichung der Institutionen Bischofsamt und EKD- Vorsitzende beigetragen», sagte Bleicher.

Der Rücktritt war ihrer Meinung nach unnötig. «Der Sachverhalt hat wenig mit dem Amt zu tun, und es gab ja ein schnelles Schuldeingeständnis.» Das hätten die Öffentlichkeit und die Medien so vermutlich anerkannt. «Die Medien haben ja nicht Schlange gestanden mit Rücktrittsforderungen.»

Das zeigt sich auch in den ersten Reaktionen nach der Pressekonferenz von Käßmann am Nachmittag: «Ihr Rücktritt zeugt von menschlicher Größe. Er ist insofern vorbildlich», kommentiert die «Stuttgarter Zeitung». Die «tageszeitung» aus Berlin meinte: «(...) «Offenkundig überwog bei Käßmann der Drang zur Selbstbestrafung die Frage, ob der Druck von außen auszuhalten gewesen wäre. Schade.» Und die «Eßlinger Zeitung» kommentierte: «Sie hat biblisch gesprochen tätige Reue gezeigt. Das verdient Respekt und verbietet jegliche Form von Nachtreterei.»

Doch ob Rücktritt oder nicht - für die Allgemeinheit habe solch ein persönliches Schicksal immer auch einen positiven Effekt, erläuterte Bleicher. Die Themen Alkohol am Steuer und übermäßiges Trinken würden breiter thematisiert. «So etwas schafft ein Bewusstsein. Es geht um die Frage, was sind 1,5 Promille, wie viel ist das in Gläsern? Viele, die sich nach einem Glas Wein noch ins Auto setzen, hinterfragen dann ihr eigenes Verhalten», meinte Bleicher.

Darauf hofft auch die Suchtkrankenhilfe Blaues Kreuz (Wuppertal). «Vielleicht führt dieser Fall dazu, dass man den eigenen Umgang mit Alkohol überdenkt», sagte deren Bildungsreferentin Andrea Schmidt. Denn der Übergang vom Genusstrinken zum Alkoholmissbrauch bis zur Abhängigkeit sei fließend. «Die Aufmerksamkeit für diesen Fall kann zu einer Selbstbefragung führen, wenn man ehrlich mit sich selbst ist: Kann ich eine zeitlang ohne Probleme auf Alkohol verzichten? Darf und soll ich eigentlich noch Autofahren?»

Traditionell erfüllen öffentliche Fehltritte herausragender Personen diese aufklärende Funktion, wie Bleicher sagt. «Das führt immer zur Beschäftigung mit dem Thema. Es hat einerseits den Effekt der öffentlichen Sühne, andererseits aber auch einen Ratgeber- Aspekt.»

Dass jetzt gerade eine gefestige, integre Persönlichkeit wie Margot Käßmann mit Alkohol am Steuer erwischt wurde, sei «sehr schade und unglücklich» für sie, sagte Suchtexpertin Schmidt, könne aber anderen Menschen helfen. «Die Gefährlichkeit von Alkohol wird damit aus der Schmuddelecke geholt. Nicht nur die Außenseiter unter der Brücke haben Probleme mit dem Trinken, sondern auch Menschen, die mitten in der Gesellschaft stehen, anerkannt sind. Da wird deutlich, wie schnell jeder in die Alkoholfalle tappen kann.» Käßmann sei ein gutes Beispiel für alle, die mögliche Alkoholprobleme immer weit von sich wiesen: «Sie hat ja selbst eine ganz klare Position dazu. Dass so jemand dann aber selbst in diese Falle tappt und nicht Nein sagen kann, das zeigt, wie schnell es jedem passieren kann.»

www.blaues-kreuz.de

www.hans-bredow-institut.de

Kirchen / Kriminalität / Medien
24.02.2010 · 23:24 Uhr
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