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Atomkraft unter Druck: Pannenserie oder Einzelfall?

Berlin (dpa) - Tuomo Hatakka ist sichtlich angespannt. Wenige Tage nach dem Störfall im Atomkraftwerk Krümmel muss der Chef des Stromkonzerns Vattenfall in Deutschland Farbe bekennen.

«Ich als Vorstandsvorsitzender stehe mit meinem eigenen Namen dafür, dass unser Unternehmen aus diesem Vorgang klare Konsequenzen zieht», sagt der Finne am Donnerstag in Berlin. Und betont: «Krümmel ist sicher.» Doch es hat nicht nur einen Trafo-Kurzschluss gegeben - auch einen Defekt bei den Brennstäben im Reaktor des Kraftwerks. Der schwedische Vattenfall-Konzern hält den Kurzschluss vom Wochenende wie die Union für einen Einzelfall. Doch vor zwei Jahren hatte ein ähnlicher Vorfall für solche Probleme gesorgt, dass Krümmel bis vor kurzem vom Netz ging.

Was genau ist in Krümmel diesmal passiert?

Samstag, 4. Juli, 12.02 Uhr: Der Atomreaktor schaltet sich selbst ab. Der Schichtleiter überprüft die Sicherheit und stellt laut Vattenfall fest: «Anlage steht sicher.» Gegen 12.10 Uhr hört der Sicherheitsdienst einen Knall und meldet leichte Rauchentwicklung und eine Wasserdampfwolke. Später wird festgestellt, dass der Maschinen-Transformator nach einem Kurzschluss defekt ist. Gegen 12.18 Uhr informiert der Schichtleiter den Bereitschaftsleiter. Um 12.20 Uhr weist der Sicherungsbeauftragte die Kraftwerkswache an, die Polizei Geesthacht zu informieren. Gegen 12.25 Uhr ist die Polizei am Werkstor. Gegen 12.42 Uhr trifft der Bereitschaftsleiter ein. «Es bestand zu keinem Zeitpunkt irgendein Risikopotenzial für die Bevölkerung», heißt es bei Vattenfall.

Wird das Atomkraftwerk geschlossen?

Das ist offen. Betreiber Vattenfall hält den Meiler für sicher und weist Zweifel an seiner Kompetenz zurück. «Es gibt keinen Grund, wegen dieses Einzelfalls das Sicherheitssystem von Krümmel infrage zu stellen», sagt Hatakka. Er hält es aber noch für verfrüht, über ein Datum zu sprechen, wann Krümmel wieder ans Netz gehen könnte. Die Aufsicht über Krümmel hat das schleswig-holsteinische Sozialministerium. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) hat Vattenfall schon mit Schließung gedroht und von einem «letzten Versuch» gesprochen.

Was macht der Stromkonzern, um die jüngste Panne zu beheben?

Nach dem Kurzschluss, der die Abschaltung des Reaktors auslöste, sollen zwei Transformatoren ersetzt werden. Vor zwei Jahren hatte ein baugleicher Trafo sogar einen Brand ausgelöst. Deshalb vermutet der eingesetzte Sonderermittler Stefan Dohler, dass beide Störfälle die gleiche Ursache haben könnten. Dohler ist aber Vattenfall-Manager und kommt nicht von außen.

Was hat es mit der Störung im Reaktor auf sich?

Bei dem Kurzschluss entdeckte Vattenfall auch, dass mindestens ein Brennstab im Atomreaktor kaputt ist. Damit hat es auch eine Störung im nuklearen Bereich gegeben. Bisher ist unklar, wann dies passiert ist. Um mehr zu erfahren, öffnet der Stromkonzern den Reaktor und nimmt die rund 80 000 Brennstäbe unter die Lupe. Wie viele Brennstäbe genau defekt sind, ist bisher noch unklar.

Warum ist die Atomkraft zu einem Wahlkampfthema geworden?

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat den Störfall flugs in den Wahlkampf eingebaut. Und noch während er am Donnerstag den Unglücksreaktor Tschernobyl in der Ukraine besuchte, forderte SPD- Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, Krümmel stillzulegen. Die SPD steht zum Atomausstieg und warnt vor Sicherheitsrisiken der 17 Meiler, vor allem der 8 ältesten. Die Union befürchtet dagegen eine Stromlücke und hält die Öko-Energien noch länger nicht für ausreichend, um Atomkraft zu ersetzen. Zusatzgewinne der Wirtschaft will sie teilweise abschöpfen und den Kunden zugute kommen lassen.

Welche Strategie fährt Vattenfall, und was heißt das für Kunden?

Der Stromanbieter ist unter Druck geraten und weiß das - Hatakkas Vor-Vorgänger Klaus Rauscher hatte die zögerliche Informationspolitik nach den Krümmel-Pannen vor zwei Jahren den Job gekostet. Hatakka entschuldigte sich, zeigte Verständnis für Unsicherheit und räumte einen Imageschaden ein. «Dieser Vorgang in Krümmel ist natürlich ein Rückschlag für uns, wenn es um unsere Glaubwürdigkeit geht.» Jetzt will Vattenfall transparenter sein. Hatakka hält Kundenverluste für möglich und kündigte nach Netzausfällen in Hamburg an, gemeinsam mit den betroffenen Kunden Lösungen zu finden. Im Servicecenter, bei dem täglich 2500 Kunden anrufen, hätten etwa 100 das Thema Krümmel angesprochen. «Wir sind natürlich beunruhigt», sagte Hatakka. Damit meint er aber vermutlich nicht die Störfälle, sondern die Konsequenzen.

Energie / Atom
09.07.2009 · 17:15 Uhr
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