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Anti-Diät-Tag - Die Dicken blasen zum Kampf

Bei der ersten Diät war sie 14 und wog 68 Kilo bei 1,72 Metern. «Für eine Jugendliche war das schon ziemlich dick», sagt Stephanie von Liebenstein heute. Sie hat es immer wieder versucht, meistens waren es FDH-Diäten. Zweimal hat sie richtig lange durchgehalten und einmal 25, einmal 18 Kilo verloren.

Mit 26 wurde es ihr dann zu blöd. «Ich verstand, dass da irgendwas nicht funktionieren kann. Ich habe mich an Diäten gehalten, habe Sport gemacht, aber es brachte nichts. Ich war es leid, so viel Energie auf mein Gewicht zu verwenden, also habe ich gesagt, es reicht.» Damals lebte sie in den USA und lernte eine Bewegung kennen, die Dick- und Fettsein zur Abwechslung mal nicht als ungesund, unnatürlich und unschön stempelte. Fat Acceptance heißt sie - Akzeptanz für Fett.

Seit den 1960er Jahren kämpfen dicke Amerikaner schon gegen die bei den meisten Menschen fest verankerte Antipathie. Die nationale Vereinigung Naafa hat eine komplette Infrastruktur für Dicke aufgebaut, mit Flohmärkten, Partnerbörsen, Schwimmgruppen. Und die «radikale Splittergruppe», der Fat Underground, trifft sich zu Sahnetorten Sit-Ins, attackiert Fitnessstudios und sprengt Weight-Watchers-Sitzungen.

Liebenstein gründet Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung

Von Liebenstein war beeindruckt. Sie hatte sich gar nicht getraut, so weit zu denken. Nun traute sie sich nicht nur, selbst vom Abnehmen abzulassen, sondern brachte Fat-Acceptance auch nach Deutschland und gründete 2005 die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. Gewichtsdiskriminierung - ein Wort, das es früher noch gar nicht gab, schleicht sich seitdem langsam ins Bewusstsein der Leute.

Dennoch ist auch die Vereinsvorsitzende nicht immer im Reinen mit sich und ihrem Körper. Nach dem Ende der Diäten ging das Gewicht erst mal hoch, «ich dachte, wann hört es denn endlich auf?» Irgendwann hörte es auf. Jetzt wiegt sie 123 Kilo, mit einem acht Monate alten Baby im Bauch.

Wer oder was ist Schuld?

Supertoll ist es für sie nach wie vor nicht, dick zu sein. «Ich würde nicht sagen, es ist mein Wohlfühlgewicht. Aber es ist einfach so.» Wer weiß, vielleicht wäre sie ja dünner, hätte sie sich nicht so viel Stress mit Diäten gemacht. Denn Stress ist nachweislich bei vielen Menschen ein Grund für ihr hohes Gewicht, vor allem gesellschaftlicher Stress und Diskriminierungen.

Das zu wissen, ist für Dicke sehr wichtig. Denn bei jeder Begegnung und jedem Kennenlernen steht die Schuldfrage im Raum. Warum ist die so dick? Die isst sicher die ganze Zeit, vor allem heimlich, denken die meisten Dünnen. Dicke belasten unser Gesundheitssystem und die Volkswirtschaft im Allgemeinen durch ihr hohes Gewicht, das sie doch so leicht ändern könnten, davon sind sie überzeugt.

Ärzte wollen keine dicken Patienten

Die Zahlen beweisen jedoch: Laut Statistischem Bundesamt sind Menschen mit einem BMI zwischen 35 und 40 seltener krank als Dünne. Stephanie von Liebenstein kennt diese Zahlen seit Langem, doch so richtig von ihr genommen hat die Schuld erst Professor Achim Peters. Seiner Forschung zufolge gibt es außer Arthrose keine Erkrankung, die durch hohes Gewicht begünstigt wird. «Darüber war ich auch erstaunt», sagt von Liebenstein. Allerdings geht die Veranlagung für Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Diabetes häufig mit der Veranlagung zum Dicksein einher. Auf der anderen Seite aber schützt hohes Gewicht auch bei vielen auszehrenden Krankheiten.

Das weiß allerdings kaum jemand. Als die Vorsitzende der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung mal mit Rückenschmerzen zum Arzt ging, packte der sie am Schlawittchen und zerrte sie vor ein Schaubild zum Bandscheibenvorfall. «‹Wenn Sie nicht sofort 20 Kilo abnehmen, passiert ihnen das›, sagte er. Das war extrem einschüchternd.» Dass Ärzte dicke Patienten nicht haben wollen, ist an der Tagesordnung. Ein Vereinsmitglied, erzählt von Liebenstein, habe acht Ärzte angeschrieben, ob sie sie behandeln würden. Nur zwei antworteten positiv.

Das Schlimme ist, dass die Dicken selbst sich gegenseitig am stärksten diskriminieren. Das sei eine Strategie, um sich bei Dünnen beliebt zu machen, erklärt von Liebenstein. Dicksein sei schlimm, sagen sie und stellen sich selbst als rühmliche Ausnahme dar, die dabei ist, abzunehmen. So weit hat die Diskriminierung es schon gebracht.

Bei einem aber hilft das Dicksein: «Es ist ein guter Idiotenindikator. Man merkt schnell, wer nur auf Äußerlichkeiten aus ist.»

Lesen Sie hier, ob Dicke wirklich mehr essen

Aber was ist denn nun mit dem Vorurteil, dass Dicke ganz viel futtern - gerne auch heimlich? «Klar gibt es Dicke, die eine Essstörung haben. Ich denke aber, dass es mehr essgestörte Dünne gibt», sagt Stephanie von Liebenstein.

Die Wissenschaft hat sich noch nicht entschieden, ob hohes Gewicht tatsächlich von viel Essen herrührt. Bei der Nationalen Verzehrstudie I Ende der 1980er Jahre kam heraus: Dicke Männer essen weniger als dünne. Professor Peters' These zufolge nehmen Dicke jedoch mehr Glukose und Kohlenhydrate zu sich, weil das Gehirn dies einfordert. Zwischen 2005 und 2007 befragte das Ministerium für Ernährung erneut 20.000 Menschen für die Nationale Verzehrstudie II. Die stellte zwar fest, dass Dicke mehr Fleisch und weniger Süßigkeiten zu sich nehmen, wie viele Kalorien sie insgesamt essen, wurde diesmal jedoch nicht untersucht.

Von Liebenstein ärgert das, denn sie wüsste es auch gern.

[news.de] · 06.05.2012 · 08:00 Uhr
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