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Anschlagsserie in Frankreich - Vier Tote vor jüdischer Schule

Fassungslose Mitschüler verlassen den Schauplatz der Morde in Toulouse. Foto: Xavier de Fenoyl

Paris/Toulouse (dpa) - Frankreich ist entsetzt über eine offensichtlich rassistisch-motivierte Mordserie: Ein Unbekannter hat drei Schüler und einen Lehrer vor einer jüdischen Schule in Toulouse erschossen.

Die Schüsse kamen aus derselben Waffe, mit der in der vergangenen Woche drei Soldaten getötet und einer schwer verletzt worden waren - ebenfalls in Toulouse und in der etwa 50 Kilometer entfernten Gemeinde Montauban.

Drei der Soldaten hatten Wurzeln in Nordafrika, einer war ein Schwarzer. Jedes Mal beschrieben Zeugen den Täter als einen schwarz gekleideten Mann, der auf einem Motorroller geflüchtet war.

Wegen des Anschlags unterbrachen die Parteien vorübergehend den Präsidentschaftswahlkampf. Präsident Nicolas Sarkozy reiste noch am Vormittag nach Toulouse. Auch sein sozialistischer Herausforderer François Hollande sagte alle Parteitermine ab und informierte sich am Nachmittag am Tatort.

Sarkozy sprach von einer nationalen Tragödie. Nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts im Élysée am Abend verhängte er die höchste Terror-Alarmstufe für die Region. Alle jüdischen und muslimischen Einrichtungen werden nun besonders gesichert.

Nach Angaben von Sarkozy handelt es sich beim Täter um denselben, der in den Tagen zuvor zwei Anschläge auf Soldaten verübt hatte. «Jedes Mal wenn dieser Mann in Aktion tritt, handelt er, um zu töten. Er lässt seinen Opfern keine Chance», betonte Sarkozy. Ein antisemitisches Motiv sei wahrscheinlich, der Mann sei gefährlich und müsse schnellstens gefasst werden. «Diese schreckliche Tat kann nicht ungesühnt bleiben. Alle, wirklich alle verfügbaren Mittel werden eingesetzt werden, um diesen Kriminellen daran zu hindern, weiter Schaden anzurichten.»

Vor Beginn des Unterrichts hatte der Täter am Montagmorgen vor der Ozar-Hatorah-Schule auf einen 30-jähriger Religionslehrer und seine beiden Kinder im Alter von drei und sechs Jahren geschossen, wie Staatsanwalt Michel Valet mitteilte. Das dritte Opfer war nach den Angaben zehn Jahre alt. Ein 17-Jähriger wurde schwer verletzt.

Mit derselben großkalibrigen Waffe waren schon am 11. und 15. März zwei Anschläge auf Soldaten in Toulouse und in Montauban verübt worden. Der Täter habe auch denselben, als gestohlen gemeldeten PS-starken Motorroller für seine Flucht genutzt, berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Ermittler. Völlig unklar sind dagegen die Hintergründe der Taten. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Terrorismus.

Sarkozy ordnete für diesen Dienstag eine Schweigeminute um 11.00 Uhr zum Gedenken an die getöteten Kinder in allen Schulen an: «Es sind unser aller Kinder.» Am Abend wollte er in Paris an einem Gedenkgottesdienst in einer Synagoge teilnehmen. Der Verband der jüdischen Studenten in Frankreich (UEJF) rief für den Abend zu einem Gedenkmarsch in der Hauptstadt auf.

Die Tat gilt als einer der mörderischsten Anschläge auf eine jüdische Einrichtung seit drei Jahrzehnten, als ein Überfallkommando im jüdischen Viertel in Paris in der Rue des Rosiers in einem Restaurant sechs Menschen tötete.

Bei den Anschlägen in den vergangenen Tagen in Südwestfrankreich waren drei Soldaten nordafrikanischer Herkunft gestorben. Ein viertes Opfer - ein Franzose schwarzer Hautfarbe von der Karibikinsel Guadeloupe - schwebte am Montag noch in Lebensgefahr.

Die Anschläge bringen das Thema Innere Sicherheit im laufenden Präsidentenwahlkampf nach oben auf die Tagesordnung. Sarkozy hatte zuletzt rechtspopulistische Töne angeschlagen und vor zu vielen Ausländern im Land gewarnt.

Bei der Tat am Montagmorgen kurz vor Unterrichtsbeginn schoss der Unbekannte nach unbestätigten Berichten aus zwei Waffen um sich. Er eröffnete in dem Wohnviertel unvermittelt das Feuer auf eine Gruppe von Eltern und Schülern. Einige Kinder verfolgte er bis aufs Schulgelände.

Die kleine Alexia berichtete TV-Reportern über die traumatischen Ereignisse: «Ich bin am Morgen (an der Schule) angekommen, dann habe ich Schüsse gehört. Wir haben alle Angst gehabt.» Der Täter habe aus nächster Nähe auf alles geschossen, was sich bewegt habe, betonte die Staatsanwaltschaft. Das Motiv des Täters ist noch völlig unklar. Polizeisprecher warnten vor voreiligen Spekulationen.

Innenminister Claude Guéant verurteilte die Tat nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP als antisemitisch. Er will die Ermittlungen zunächst vor Ort koordinieren.

In der Region geht nun die Angst vor weiteren Anschlägen um. Der Bürgermeister von Toulouse, Pierre Cohen, verwies im TV-Nachrichtensender BFM auf die Kaltblütigkeit des Täters. «Wir sind extrem beunruhigt», sagte er.

Vertreter jüdischer Gemeinden und der jüdische Weltkongress äußerten sich schockiert. Das israelische Außenministerium sprach von Entsetzen über die Nachrichten. Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Außenminister Guido Westerwelle verurteilten den Anschlag.

Kriminalität / Frankreich
19.03.2012 · 20:12 Uhr
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