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Anonyme Spender - Wie Menschen zu Wohltätern werden

Heerscharen von Priestern predigen allsonntäglich darüber, aber auch die Ungläubigen lässt die Frage nicht los: Will ich anderen Gutes tun? Sollte ich? Müsste ich nicht eigentlich was spenden? Aber wem, und wie viel? Millionen Menschen entscheiden sich dafür, für das Jahr 2010 verbucht der Deutsche Spendenrat 2,3 Milliarden Euro.

Spektakulärer ist es allerdings, wenn sich mal wieder ein anonymer Wohltäter hervortut. Wie am Heiligabend in einem Londoner Supermarkt, als einMannUmschläge mit 50-Pfund-Noten in fremde Einkaufswagen legte. «Ich habe vor kurzem das Glück gehabt, reich zu werden, und habemehr Geldals ich für mich und meine Familie brauche», stand auf beigelegten Notizen.

Die Stadt Braunschweig fand an den Weihnachtsfeiertagen50.000Euro in 500er Scheinen im Briefkasten. Im selben Kuvert steckten Zeitungsausschnitte, die den Regierenden offenbar mitteilen sollen, welchen Projekten das Geld zugute kommen soll. Jedoch kein Bekennerschreiben.

Sehen Sie in unserer Bildergalerie mehr Beispiele von anonymen Wohltätern.

Der Erlanger Soziologieprofessor Frank Adloff hat sich damit auseinandergesetzt, warum Menschen Gutes tun, sich «prosozial verhalten», wie die Wissenschaft es nennt. Fälle anonymem Spendertums wie in London oder Braunschweig sind für ihn Skurrilitäten, über deren Motive spekuliert er nur ungern. Vielleicht trotz aller Anonymität eine Spur Geltungssucht, weil es am nächsten Tag in der Zeitung steht? Doch auch völligen Altruismus will er nicht ausschließen. «Aber das Paradebeispiel für die anonyme Spende ist doch eigentlich die alltägliche, zum Beispiel ans Rote Kreuz. Die wissen zwar den Namen, faktisch ist es aber anonym», sagt Adloff.

Wissenschaftler erforschen das Spendertum

Die Frage, warum wir uns wohltätig betätigen, ist ein beliebtes Feld für Soziologen und Psychologen. Eine ganze Flut von Studien analysiert, unter welchen Umständen Menschen helfen oder eben nicht. Aufgeschreckt wurde die Forschung durch einen schrecklichen Vorfall in den 1960er Jahren: Eine New Yorkerin wird in ihrem Haus überfallen und gequält, 38 Anwohner beobachten es, niemand tut etwas, nicht einmal der Notruf wird gewählt. Warum nicht?

1968 luden die US-Psychologen John Darley und Bibb Latané junge Leute ein, um über Probleme im Studium zu sprechen. Das zumindest denken die. Jeder sitzt allein in einer Kabine und ist über Kopfhörer mit den anderen verbunden. Plötzlich wird ein epileptischer Anfall eingespielt, jemand bittet um Hilfe. Einige Probanden glauben, nur sie selbst hörten den Hilferuf, andere glaubten, mehrere Leuten würden mithören. Das Resultat: Je mehr Anwesende vermutet werden, desto geringer ist die Hilfsbereitschaft. Der Begriff «Verantwortungsdiffusion» entstand - und die lag wohl auch damals in New York vor.

John Darley führte 1970 auch ein weiteres Klassikerexperiment durch. Theologiestudenten sollen einen Vortrag vorbereiten, eine Gruppe über den barmherzigen Samariter, die andere über Karrierechancen. Sie werden in ein anderes Gebäude geschickt, allerdings wird ihnen ein unterschiedlicher Zeitdruck vermittelt. Nun sitzt auf dem Weg zum Vortrag ein röchelnder, zusammengesunkener Mann.

Studenten, die sich auf den barmherzigen Samariter vorbereitet haben, sind nicht hilfsbereiter, sondern der Zeitdruck spielt die entscheidende Rolle. Darley schließt daraus, dass gerade akute Hilfsbereitschaft stärker von äußeren Faktoren als inneren Einstellungen abhängt.

Lesen Sie hier, wann Spendenwerbung unseriös wird

Auch fürs Spenderverhalten gilt: Wer direkt angesprochen wird, gibt eher, sagt Frank Adloff. Laut Statistik des Deutschen Spendenrates kommen 28 Prozent durch persönliche Aufrufe per Post zustande. Im Vergleich dazu kommen nur 7 Prozent durch TV-Aufrufe zustande.

Allerdings sieht Adloff sehr wohl typische Spendereigenschaften, die auch in Studien herauskristallisiert wurden. Die klassischen Spendereigenschaften sind: gesellschaftlich aktiv und gut vernetzt, religiös und gebildet. Dass Arme mehr geben als Reiche, wie uns die Bibel weismachen will, stimmt zunächst nicht. Aber bei den Spitzenverdienern nimmt die Höhe der Spenden nicht mehr proportional zumEinkommenzu.

Gerade erst hat eine US-Studie herausgefunden, dass bescheidene Menschen hilfsbereiter sind als geltungssüchtige. Niederländische Forscher fanden im Experiment heraus, dass eher hilft, wer Angst vor Neid hat. Und Kirchengänger spenden angeblich mehr vor der Beichte als danach, zeigte schon 1975 eine Studie - was nicht unrelevant ist, denn fast neun Prozent des gesamten Spendenaufkommens kommt laut Spendenrat in den Kollekten zusammen.

Aus welchen persönlichen Motiven Menschen zu Wohltätern werden, mag Professor Adloff allerdings nicht beurteilen. «Man weiß ja nicht einmal genau von sich, was die eigenen Motive sind.» Ob «Santa Angelina», wenn sie durch Pakistan und den Kosovo reist, auch ein Stück weit ihre Geltungssucht befriedigt oder George Clooney, wenn er Flüchtlinge, Umwelt, Kinder oder Aidskranke retten will, spielt für ihn keine Rolle. «Dass sie ihren Namen einsetzen, um mehr Leute zum Mitmachen anzuregen, ist ein legitimes Unterfangen», sagt er.

Tückische Spendenwerbung hat keinen guten Ruf

Doch es gibt auch Grenzfälle. Wenn Ulrich Wickert per Brief Patenschaften für indische Kinder bewirbt und aus dem Umschlag schon das Foto eines niedlichen kleinen Mädchens fällt und dazu noch ein dünnes Armbändchen, fühlt sich mancher genötigt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht – und auch Spenden ist längst ein Big Business – gilt es als lohnenswert, kleine Geschenke mit in den Spendenaufruf zu legen. Bilder, von behinderten Kindern gemalt, geben das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen.

Für den Soziologen Frank Adloff eine Gratwanderung. Er empfindet solche Methoden als tückisch, und tatsächlich hat es auch keinen seriösen Ruf, bei der Werbung um Spenden stark zu personalisieren. Das Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI) vergibt ein Spendensiegel, bei dem Wert darauf gelegt wird, dass die Werbung emotional relativ neutral erfolgt und Information im Vordergrund steht.

Ein Stück Emotion ist dennoch wichtig für Spender. Die meisten Menschen wollen freiwillig geben. Studien haben gezeigt, dass die Bereitschaft sinkt, wenn die Gabe zu hoch subventioniert wird oder zu starke Anreize geschaffen werden. Ein bisschen will man sich schon als Wohltäter fühlen. Ganz anonym.

[news.de] · 09.01.2012 · 09:28 Uhr
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