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Ankläger: Karadzic befahl Völkermord

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Den Haag (dpa) - Vor einer leeren Anklagebank ist der einstige Serbenführer Radovan Karadzic am Dienstag des Völkermordes und weiterer schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt worden.

Als Präsident der bosnischen Serbenrepublik sei Karadzic der «unangefochtene Oberste Kommandeur» gewesen, der im Bosnienkrieg Gräueltaten wie das Massaker an mehr als 7000 muslimischen Männern und Jungen in Srebrenica angeordnet habe. Das sagte Staatsanwalt Alan Tieger bei der Darlegung der Anklage vor dem UN-Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag.

Der Angeklagte sei «sowohl der Architekt der Politik gewesen, die diesen Verbrechen zugrunde lag, als auch der Anführer der Streitkräfte, die sie verübten», erklärte der Staatsanwalt. Karadzic (64) weigerte sich - wie schon bei der Eröffnung des Prozesses am Vortag -, seine Zelle zu verlassen und vor den Richtern zu erscheinen. Vertreter von Opferverbänden äußerten Erleichterung, dass der Prozess mehr als 14 Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges «endlich begonnen hat und die schlimmsten Verbrechen vor Gericht zur Sprache kommen». Dem Krieg von 1992 bis 1995 fielen rund 100 000 Menschen zum Opfer, mehr als zwei Millionen wurden mit Gewalt aus ihren Wohnorten vertrieben. Karadzic, der stets alle Vorwürfe zurückgewiesen hatte, droht eine lebenslange Haftstrafe.   

«In diesem Fall», sagte der aus den USA stammende Ankläger, «geht es um einen Obersten Kommandeur, einen Mann, der die Kräfte des Nationalismus, des Hasses und der Angst entfachte, um seine Vision eines ethnisch geteilten Bosnien zu verwirklichen: Radovan Karadzic.» Die ethnischen Säuberungen während des Bosnienkrieges seien nicht dessen Folge, sondern das von Karadzic und seinen Komplizen in der bosnisch-serbischen Führung angestrebte Ziel der bewaffneten Gewalt gewesen.

In Bosnien-Herzegowina habe ein rein serbischer Staat entstehen sollen. «Deshalb wurden hunderttausende bosnische Muslime und Kroaten mit Massenmorden, Vergewaltigungen, Zerstörungen ihrer Häuser und Drohungen in die Flucht getrieben.» Im Zentrum der Anklage steht das Massaker von Srebrenica, bei dem nach unterschiedlichen Angaben etwa 7000, möglicherweise gar mehr 8000 Muslime von bosnisch-serbischen Truppen kaltblütig zusammengetrieben und erschossen wurden. Das Massaker vom Juli 1995 gilt als das schwerste Verbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Karadzic soll bei der Planung eng mit dem damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic zusammengearbeitet haben. Dieser starb vor drei Jahren in der Untersuchungshaft, nachdem sein Völkermord- Prozess bereits vier Jahre ohne absehbares Ende im Gange war. Unmittelbar befehligt wurden die Massaker von General Ratko Mladic, der Karadzic unterstellt war. Mladic ist immer noch flüchtig.

Wie Staatsanwalt Tieger darlegte, wird Karadzic auch beschuldigt, die fast 44 Monate währende Belagerung von Sarajevo geleitet zu haben. Er führte Videos, Grafiken und Dokumente vor sowie Telefon- Mitschnitte. Darauf ist Karadzic zu hören, wie er anscheinend über die Bewohner Sarajevos sagt: «Sie werden von der Oberfläche der Erde verschwinden.» Damals wurden tausende Zivilisten - unter ihnen viele Kinder - beim Artilleriebeschuss Sarajevos sowie durch Scharfschützen getötet. «Karadzic war ein Führer, der stets eng mit dem Geschehen am Ort verbunden war und mit Befehlen eingriff», erklärte der Staatsanwalt.

Zur Eröffnung des zweiten Prozesstages hatte Richter O-Gon Kwon aus Südkorea erklärt, ungeachtet der Weigerung des Angeklagten, vor dem Tribunal zu erscheinen, könne das Verfahren mit der Darlegung der Anklage fortgesetzt werden. Zugleich warnte er Karadzic, er werde sein Recht verlieren, sich selbst zu verteidigen, wenn er nicht zum nächsten Prozesstermin am kommenden Montag erscheint. In dem Fall bliebe dem Gerichtshof keine andere Wahl, als einen Pflichtverteidiger für den Angeklagten einzusetzen.

Dem Ex-Serbenführer war bei der Eröffnung des Vorverfahrens im Sommer 2008 gestattet worden, sich selbst zu verteidigen. Am vergangenen Donnerstag erklärte Karadzic in einem Schreiben an das Gericht, er werde an dem Prozess nicht teilnehmen, weil er nicht genug Zeit zur Vorbereitung seiner Verteidigung gehabt habe. Insgesamt ist Karadzic ist wegen Völkermordes in zwei Fällen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in neun Fällen angeklagt.

UN / Kriegsverbrechen
27.10.2009 · 16:29 Uhr
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