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Analyse: Zugkatastrophe erschüttert Belgien

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Buizingen/Brüssel (dpa) - Die beiden Regionalzüge haben sich ineinander verkeilt und sehen aus, als ließen sie sich nie mehr trennen. Zwei Waggons sind im 45-Grad-Winkel aufgetürmt, darunter ist ein weiterer eingeklemmt.

Überall liegen Metallteile herum, einige Waggons sind entgleist und haben die Oberleitung abgerissen. An einem Zug brennt noch das Rücklicht, als wollte er weiterfahren. Aus den Trümmern der beiden vollbesetzten Züge, die am Montagmorgen im belgischen Buizingen bei Brüssel im Berufsverkehr zusammenstießen, bergen die Retter mindestens 18 Tote. Weitere Leichen liegen noch in den Wracks, bis zu 20 Opfer könnten es insgesamt sein.

Nach dem schwersten Zugunglück Belgiens seit Jahrzehnten steht das Land unter Schock. Belgiens König Albert II bricht seinen Urlaub ab und eilt ebenso wie Premierminister Yves Leterme an den Unglücksort. Augenzeugen können das Erlebte kaum in Worte fassen. «Es war, als wenn die Erde bebt», sagt der 21-jährige Augenzeuge Wire Leire. Er wohnt nur rund 50 Meter von den Bahngleisen entfernt. «Der laute Knall hat mich geweckt.» Um 8.30 Uhr knallten die Züge ineinander und ließen die Anwohner aufschrecken. «Da gab ein großes Licht und eine Explosion», erzählt Nathalie Evenepoel.

Anwohner versuchen zu helfen

Die Anwohner kamen aus den kleinen Reihenhäusern gleich neben dem Bahngleis gelaufen und versuchten zu helfen. Viele Opfer befreiten sich aus eigener Kraft aus den Zügen, zerschlugen die Fenster und kletterten aus den Zügen. Blutüberströmte Menschen mit Kopfverletzungen und Schnittwunden irrten im Schneegestöber und bei Minusgraden über die Gleise. «Ich habe Decken und Stühle gebracht», sagt Leire, «ich habe getan, was ich halt tun konnte». Polizei und Feuerwehr waren nach wenigen Minuten vor Ort - doch vielen Fahrgästen konnten sie nicht mehr helfen.

Schnell ist die Unglücksursache klar: Menschliches Versagen. Der Lokführer des aus Löwen kommenden Regionalzugs hat ein Stoppsignal übersehen. Vielleicht war das eisige Winterwetter mit Schnee und Nebel daran schuld.

Neue Debatte über Sicherheit der Bahn

Vor diesem Hintergrund entfacht das Unglück eine neue Debatte über die Sicherheit des belgischen Bahnverkehrs. Verspätungen und überfüllte Züge sind ebenso an der Tagesordnung wie Pannen und technische Defekte. Kleinere Unfälle passieren häufiger. Zuletzt starb eine 26-jährige Zugbegleiterin, als im November 2009 in Mons ein Zug entgleiste. Die Gewerkschaften werfen der Bahngesellschaft SNCB eine schlechte Ausbildung der Lokführer vor. Viele Überstunden und zu lange Arbeitszeiten machten die Angestellten mürbe. «Signalgeber, technisches Personal und Lokführer leiden unter dem Personalmangel», kritisierte die Gewerkschaft SIC.

Es ist keineswegs das erste Mal, dass die belgische Staatsbahn nach einem Unfall als Ursache menschliches Versagen nennen muss. Schon bei einem schweren Bahnunfall vor neun Jahren bot sich ein ähnliches Bild. Im März 2001 übersah in Pecrot südöstlich von Brüssel der Lokführer eines leeren Zuges ein Stoppsignal. Der Zug passierte hupend mehrere Bahnübergänge, deren Schranken geöffnet waren, und raste als Geisterfahrer auf dem falschen Gleis der zweispurigen Strecke einem vollbesetzten Nahverkehrszug entgegen. Die Bilanz: Neun Tote und 12 Verletzte.

Damals konnte die SNCB den Lokführer nicht erreichen, das Personal versuchte noch, den Fahrstrom auf der Strecke abzustellen - zu spät. Ein Gutachter kam zu dem Ergebnis, dass eine Reihe von Pannen im Sicherheitsablauf zu dem Unfall führten. Die Bahn musste 100 000 Euro Strafe zahlen und gelobte Besserung, die Kommunikation zwischen den Zügen wurde verbessert und das Personal mit Handys ausgestattet. Doch nun stellt sich die Frage: Reichen die Sicherheitsmaßnahmen bei der belgischen Bahn?

Serie schlechter Nachrichten - Belgien erschüttert

Das Zehn-Millionen-Einwohner-Land Belgien ist erschüttert. Die Zugkatastrophe ist der neue Höhepunkt einer Serie von Unglücken und schlechten Nachrichten. Anfang des Jahres kamen Fahnder einem Serienmörder aus Loksbergen auf die Spur, auf dessen Konto mehrere Sexualmorde aus den 90er Jahren gehen sollen. Dann kündigte der US- Autobauer General Motors die Schließung des Opel-Werkes im belgischen Antwerpen an. Mitte Januar explodierte ein Haus in Lüttich, bei dessen Einsturz 14 Menschen starben. Belgische Medien zitieren am Montag den Premier Yves Leterme mit den Worten: «Erst hatten wir Lüttich, und jetzt das.»

Bahn / Unfälle / Belgien
15.02.2010 · 22:46 Uhr
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