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Analyse: Xiaobo - sanfter Vorkämpfer für Demokratie

Menschenrechtler Liu XiaoboGroßansicht

Peking (dpa) - Die Vergabe des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo ist ein Schlag ins Gesicht für die kommunistische Führung in Peking. Der 54-Jährige gilt als Staatsfeind Nummer Eins.

Hohe Politiker der Regierung machen im privaten Gespräch keinen Hehl aus ihrer tiefen Abneigung gegenüber Liu Xiaobo und seinem demokratischen Ideengut in der «Charta 08»: «Wir durften doch nicht zulassen, dass Liu Xiaobo damit durchkommt», suchte jüngst ein Regierungsmitglied sogar noch Verständnis für die elfjährige Haftstrafe gegen den Bürgerrechtler - als wenn das Land vor Leuten wie Liu Xiaobo bewahrt werden müsste.

Die Argumentation demonstriert, wie ernst Liu Xiaobo und seine Forderung nach freiheitlichen Reformen in der obersten Führung genommen werden. Der Ehrenvorsitzende des chinesischen PEN-Clubs unabhängiger Schriftsteller zählt seit zwei Jahrzehnten zu den wichtigsten Denkern der stark dezimierten Demokratiebewegung in China. Als Liu Xiaobo mit anderen Bürgerrechtlern die «Charta 08» entworfen hatte, war ihnen schon klar, dass einer von ihnen dafür in den Bau gehen würde - wahrscheinlich Liu Xiaobo. «Ich habe ihm damals gesagt, dass die Polizei kommen würde», sagt seine Frau Liu Xia. «Mit Sicherheit.» Es nahm das Risiko bewusst in Kauf.

Die «Charta 08» sieht sich in der Tradition der «Charta 77» vom Januar 1977 gegen Menschenrechtsverletzungen in der Tschechoslowakei. Das wegweisende Manifest fordert ein Ende der Ein-Parteien-Herrschaft in China und Gewaltenteilung. «Es muss ein Ende haben, dass Wörter Verbrechen sein können», heißt es darin. Den Appell veröffentlichten die Bürgerrechtler aus Anlass des 60. Jahrestages der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen im Dezember 2008 veröffentlicht. Mehr als 10 000 haben ihn seither unterschrieben.

Noch im Dezember 2008 wurde Liu Xiaobo festgenommen und ein Jahr später wegen «Untergrabung der Staatsgewalt» verurteilt. Er sitzt nicht zum ersten Mal im Gefängnis. Schon nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 musste der damalige Literaturdozent 20 Monate in Haft. In der Nacht des Massakers vom 4. Juni 1989 hatte er mit Soldaten den Abzug von Hunger streikenden Studenten vom Tian'anmen-Platz ausgehandelt. Nach der Haftentlassung wurde Liu Xiaobo sofort wieder in der Dissidentenszene aktiv. 1996 landete er für drei weitere Jahre in einem Umerziehungslager.

Viermal hat Liu Xia ihren Mann nach seiner Verlegung im Frühjahr von Peking in das weit entfernte Jinzhou Gefängnis im hohen Nordosten Chinas bereits besucht. «Wir dürfen nur über Familienangelegenheiten sprechen», berichtet die 50-Jährige. «Wir dürfen über nichts anderes reden, sonst wird das Treffen sofort abgebrochen.» Er darf in Haft lesen. Sie bringt ihm viele Bücher. Er habe an Gewicht verloren. «Mental ist sein Zustand gut», berichtet Liu Xia. «Aber sein Magen macht immer Probleme.» Er müsse sich an die Gefängniskost gewöhnen.

Die Vergabe des Friedensnobelpreises an einen Dissidenten in China gibt den demokratischen Kräften in China unverhofften Anschub. «Das wird dazu führen, dass mehr Chinesen aufwachen werden und sich auf China demokratische Bewegung und die Entwicklung der Menschenrechte konzentrieren werden», sagte der langjährige Rechtsaktivist Yao Lifa, ein Mitstreiter von Liu Xiaobo und einer der ersten Unterzeichner der «Charta 08». «Es wird sie ermutigen, ihnen Zuversicht und Hoffnung geben,» sagt Yao Lifa. Mit dem Preis zeige die internationale Gemeinschaft auch, dass ihnen politische Reform in China wichtig sei.

Es sei ein wichtiges Signal der Solidarität, finden chinesische Intellektuelle, die sich mit Petitionen für die Vergabe an Liu Xiaobo ausgesprochen hatten. Der Bürgerrechtler habe sich immer für eine friedlichen Weg eingesetzt. «Nicht konfrontativ, eher mäßigend und vernünftig», beschreibt seine Frau Liu Xia den Stil ihres Mannes. «Er ist ein sanfter Mensch und kann doch faule Kompromisse nicht ertragen», hat sein Freund, der Poet Bei Ling, über ihn geschrieben. «Sein eigenwilliger Charakter ist gerade unter chinesischen Intellektuellen sehr selten und kostbar.»

Nobelpreise / International / China
08.10.2010 · 23:04 Uhr
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