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Analyse: Wulff will Brückenbauer sein

Der neue Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Antrittsrede.Großansicht
Berlin (dpa) - Auch der Amtseid saß nicht auf Anhieb. Bei der feierlichen Verpflichtung aufs Grundgesetz musste der neue Bundespräsident Christian Wulff - erst im dritten Wahlgang gewählt - am Freitag im Reichstag einen zweiten Anlauf nehmen.

Gleich zu Beginn der Eidesformel unterschlug er ein «Ich», entschuldigte sich und fing von vorne an. Dann ging alles gut. Punkt 13.23 Uhr schloss Wulff mit den Worten «So wahr mir Gott helfe.» Die deutlich bemerkbare Aufregung des zehnten bundesdeutschen Staatsoberhauptes hatte sich zumindest etwas gelegt.

22 Minuten nahm sich Wulff für seine Antrittsrede Zeit, um vor den versammelten Mitgliedern von Bundestag und Bundesrat sein Arbeitsprogramm in Kompaktformat zu präsentieren. An Themen mangelte es dabei nicht. Und an mehr als einer Stelle wurde deutlich, dass sich der bisherige niedersächsische Ministerpräsident und CDU- Bundesvize vom Vorgänger Horst Köhler sehr wohl unterscheiden will.

Keine kritische Distanz zur politischen Klasse mehr, sondern die Aufforderung, in den Parteien mitzumachen: «Sie sind viel besser als ihr Ruf.» Neue Ideen, Argumente und Mehrheiten müssten sich «von der Graswurzelebene bis in die Parlamente und Kabinettssäle» durchsetzen. Aus allen Fraktionen gab es Beifall dafür - auch vom vollzählig erschienenen Kabinett auf der Regierungsbank und der Riege der Ministerpräsidenten, Wulffs bisherigen Kollegen.

An dieser Stelle klatschte auch der Vorgänger. Fast auf den Tag genau einen Monat nach seinem überraschenden Rücktritt saß Köhler zusammen mit seiner Frau Eva Luise in der ersten Reihe. Einen Platz weiter applaudierte die neue «First Lady» Bettina Wulff. Unweit daneben war die Linke-Bewerberin Luc Jochimsen zu sehen, oben auf der Besuchertribüne der ehrenvoll gescheiterte rot-grüne Kandidat Joachim Gauck. Bei beiden bedankte sich Wulff für einen «fairen Wettstreit».

Die erste wichtige Rede als neues Staatsoberhaupt - eine Art «Regierungserklärung» - hielt Wulff nicht frei. Er las von großen Karteikarten ab, die er in einer schwarzen Ledermappe mit sich gebracht hatte. Oben auf der Tribüne saß sein engster Berater Olaf Glaeseker, der mit ihm ins Präsidialamt wechselt, und las Karte für Karte mit. Tempo und Tonlage veränderte Wulff im Verlauf der Rede kaum. Und auch vom Manuskript wich er nur selten ab.

Dies geschah bei seinem Lob für die Regierenden in Berlin, die im Unterschied zu vielen anderen Ländern bereits Erfolge bei der Bekämpfung der Finanz- und Wirtschaftskrise erzielt hätten. «Darauf können die frühere und die jetzige Regierung stolz sein», lobte Wulff ausdrücklich auch die große Koalition mit der SPD. Sein Plädoyer für die Soziale Marktwirtschaft sowie gegen «Ellenbogengesellschaft» und «Raubritterkapitalismus» traf ebenfalls auf breite Zustimmung.

«Ich will helfen, über all das hinweg Brücken zu bauen», zählte Wulff die vielen Ungleichheiten in der Gesellschaft auf. «Wir müssen unvoreingenommen aufeinander zugehen können, einander aufmerksam zuhören, miteinander sprechen.» Von einem «neuen Aufbruch», wie bei Köhlers Antrittsrede vor sechs Jahren, war keine Rede.

Dagegen benutzte der neue Präsident die Formel von «unserer bunten Republik Deutschland». Wulff sieht darin eine Mischung aus «urdeutscher Disziplin und türkischem Dribbling zum Beispiel, aus preußischem Pflichtgefühl und angelsächsischer Nonchalance, aus schwäbischer Gründlichkeit und italienischer Lebensart - und demnächst vielleicht aus rheinländischer Lebenskunst und chinesischer Bildungsbegeisterung». Dafür gab es besonderen Applaus von Außenminister Guido Westerwelle und anderen Rheinländern im Saal.

Wulffs Startstunde ins neue Amt war auch der letzte offizielle Auftritt seines Vorgängers auf großer parlamentarischer Bühne. Köhler sprach - im Gegensatz zur Praxis bei früheren Amtswechseln - nicht. «Der Kummer über ihren Rücktritt hat noch einmal gezeigt, wie nah Sie unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern waren», dankte Wulff. Köhler bewegte das offizielle Lob sichtlich.

Als der neue Präsident mit seiner Rede dann durch war, war ihm die Erleichterung anzumerken. Mit dem letzten Satz trat Wulff gleich ab, ohne den Applaus abzuwarten. Die Nationalhymne, gespielt vom Blechbläserensemble der Universität der Künste, sangen die Ehepaare Wulff und Köhler mit.

Draußen wartete dann bereits die Präsidentenlimousine, zum ersten Mal mit allen Insignien. Der schwarze Mercedes mit den abgedunkelten Scheiben, mit dem Wulff am Tag zuvor noch mit Berliner Nummer unterwegs war, trug nun das präsidiale Kennzeichen «O-1».

Rechts vorn am Kotflügel wurde während der Vereidigungszeremonie erstmals die Standarte mit Bundesadler gehisst. Trotz Temperaturen von über 30 Grad holte der Fahrer dazu die eingeschweißte «Schlechtwettervariante» aus dem Kofferraum. Die macht sich auf Fotos besser.

Bundespräsident
03.07.2010 · 08:37 Uhr
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