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Analyse: Wulff versucht Befreiungsschlag

Christian WulffGroßansicht

Berlin (dpa) - In der allerhöchsten Not sucht Christian Wulff die Rettung bei ARD und ZDF - 15 TV-Minuten zur besten Sendezeit - als Befreiungsschlag. Der Bundespräsident hofft auf Zustimmung bei den Bürgern.

Eines war an diesem Mittwoch in Berlin ganz schnell klar: Dies wird nicht der Tag des Rücktritts von Bundespräsident Christian Wulff. Der Mann kämpft um sein Amt, trotz des Gegenwinds auch aus der schwarz-gelben Koalition. Aber ein normaler Arbeitsbeginn nach den Weihnachtsferien konnte es für Wulff eben auch nicht sein, obwohl er dies gehofft haben mag. Am Ende wurde daraus ein Tag, wie ihn die Hauptstadt noch nicht erlebt hat. Über ARD und ZDF wendet sich das schwer angeschlagene Staatsoberhaupt direkt an die Bürger. Es ist seine vermutlich letzte Chance.

Irgendetwas musste passieren, der Druck auf Wulff wegen seines Drohanrufs bei der «Bild»-Zeitung und der vorangegangenen Kreditaffäre wuchs von Stunde zu Stunde. Wulff musste sich erklären, aber wie? Eine Wiederholung des knappen Auftritts vom 22. Dezember, als er wenige Minuten im Schloss Bellevue vor die Kameras trat, war undenkbar. Am Ende wählte Wulff für seinen Rettungsversuch ein ziemlich großes Format: ARD und ZDF zur besten Sendezeit - «Rette die Million» mit Jörg Pilawa musste ebenso verschoben werden wie «Die lange Welle hinterm Kiel» in der ARD.

Nach den letzten Berichten über Wulffs Versuche, Medien und Journalisten einzuschüchtern, wurde die Luft für ihn immer dünner. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hatte ein Staatsoberhaupt eine derart verheerende Presse. Auch konservative Blätter legten am Dienstag noch einmal nach. Dazu kamen Hohn und Spott im Netz. Fast überraschend, dass nach einer neuen Umfrage nur 46 Prozent der Wähler den Rücktritt Wulffs forderten - ebenso viele wollten ihn im Amt behalten.

Irgendetwas musste geschehen - das wusste auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die dennoch erst einmal auf Tauchstation blieb und ihren Vize-Regierungssprecher Georg Streiter vorschickte. Der war seltsam unverbindlich. Die Kanzlerin habe weiter «volles Vertrauen» in Wulff, sie schätze seine Arbeit außerordentlich. Nein, sie habe Wulff nicht ausdrücklich zu einer Stellungnahme aufgefordert. Nein, die Würde des Amtes sei trotz der Vorwürfe gewahrt. Aber es sei natürlich sinnvoll, wenn der Präsident in der Öffentlichkeit noch einmal Stellung dazu nähme, sagte Streiter kurz nach 12.00 Uhr.

Damit nun ja nicht der Eindruck entstehen konnte, der Bundespräsident folge den Weisungen der Kanzlerin, kündigte das Präsidialamt eine halbe Stunde vorher den Auftritt bei ARD und ZDF an. Abgesehen von Sommerinterviews oder Weihnachtsansprachen gibt es für einen solchen Krisen-Auftritt kaum Beispiele. Ex-Kanzler Helmut Kohl wandte sich im Dezember 1999 auf dem Höhepunkt der CDU-Spendenaffäre an das ganz große Publikum: «Was nun, Herr Kohl?», hieß es im ZDF.

Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten, die Hauptstadt- Studioleiter von ARD und ZDF, hatten nicht viel Zeit. «Was nun, Herr Wulff?» - 15 Minuten waren für das Stück vorgesehen, mit dem der Bundespräsident einen Befreiungsschlag versuchen wollte. «Live on Tape», also ungeschnitten, wurde das Gespräch aufgezeichnet. Die professionellen Beobachter, die Medien, die Bürger standen bereit, ihr Urteil abzugeben. Merkel wolle sich am Abend nicht äußern, ließ sie schon einmal wissen. Am Donnerstag wird vielleicht auch sie eine Entscheidung fällen.

Bundespräsident
04.01.2012 · 22:04 Uhr
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