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Analyse: Wulff als Überraschungssieger

Wulff als Köhler-Nachfolger?Großansicht
Berlin (dpa) - Keine «Mutter der Nation», dafür «der Traum aller Schwiegermütter»: Statt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (51) soll nun Niedersachsens Regierungschef Christian Wulff (50) Bundespräsident werden und auf Horst Köhler folgen.

Für die Wende sorgten Widerstände aus den eigenen Reihen, unter anderem aus dem Südwesten, aber auch die starke Position von Parteivize Wulff in der dezimierten Machtspitze der CDU.

«Wenn er will, dann wird er es», hieß es bereits am Mittwoch zu den Chancen des niedersächsischen Ministerpräsidenten. So sah das auch Angela Merkel, auch wenn sie wie CSU-Chef Horst Seehofer ihre Vertraute von der Leyen nicht ungern im Schloss Bellevue gesehen hätte. Als Favoritin hatte die CDU-Vorsitzende die siebenfache Mutter allerdings wohlweislich auch intern nicht ausgerufen. Insofern steht die Kanzlerin am Ende nicht als Verliererin da im parteiinternen Poker um das höchste Staatsamt.

Berlin glich am Donnerstag einem Bienenstock. Stundenlang waren auch die engsten Mitarbeiter der Koalitionsspitzen nicht mehr telefonisch zu erreichen. «Noch kein Vollzug», hieß es stundenlang aus den Zimmern der Macht.

Wulff konnte in der Kandidatenfrage weitgehend frei operieren. Er habe sich selbst ins Gespräch gebracht, wurde kolportiert. Noch vor Tagen hatte er ganz andere Signale gesetzt. Deshalb war der Niedersachse im Kandidatenranking zunächst auch nach unten gerutscht. Bundestagspräsident Norbert Lammert («zu unabhängig») und Finanzminister Schäuble («im Kabinett unverzichtbar») waren inzwischen schon aus dem Rennen.

Merkel hatte am Mittwoch von Seehofer und FDP-Chef Guido Westerwelle freie Hand bei der Klärung der Frage erhalten, ob Wulff oder von der Leyen antreten sollten. Nach der Entscheidung hieß es: «Es gab für Wulff nur eine sehr kurze Bedenkzeit.»

Am Donnerstagnachmittag trafen sich die drei Spitzenkoalitionäre dann erneut im Kanzleramt. Man beschloss, noch am selben Abend die Kandidatenausrufung im Reichstagsgebäude über die Bühne zu bringen. Das rasche Handeln sollte Entschlusskraft zeigen. Danach ging es mit den fast pausenlosen Verhandlungen zum Sparpaket weiter.

Auch Wulff passt in Merkels Kandidaten-Profil: Er soll politische Erfahrung mitbringen, keine Überraschungen liefern wie der Halsüberkopf-Abgang von Köhler und zur Stabilisierung der schwarz- gelben Koalition beitragen. Ein Nebeneffekt: Der Niedersachse ist der letzte Ministerpräsident der Union, der Merkel jederzeit beerben könnte.

Dass Wulff nicht als erste Wahl gehandelt wurde, hing auch mit seiner - viele meinen: gespielten - Zurückhaltung bei Berliner Avancen zusammen. 2008 hatte er gesagt: «Mir fehlt der unbedingte Wille zur Macht und die Bereitschaft, dem alles unterzuordnen.» So richtig wurde ihm das aber nicht abgenommen.

Der Jurist und Vollblutpolitiker aus Hannover ist kein klassischer Verfechter des konservativen Flügels. Sein Privatleben passt auch nicht in dieses Schema: Der Katholik trennte sich von seiner ersten Frau und heiratete seine langjährige Lebensgefährtin.

Nach dem geplanten Abgang des Hessen Roland Koch und der Wahlniederlage von Jürgen Rüttgers in Nordrhein-Westfalen ist jetzt auch der letzte potenzielle Gegenspieler für Merkel aus der Riege der Ministerpräsidenten aus dem Kanzler-Spiel. Kanzlerinnen-Niveau hat jetzt mehr als zuvor von der Leyen. Die jüngere Riege der CDU-Macher muss sich noch profilieren.

Die ebenfalls aus Niedersachsen stammende von der Leyen hat in der Union ein anderes «Standing». Sie setzte in CDU und CSU ohne große Hausmacht und nur gestützt auf ihre Hartnäckigkeit ein modernes Familienbild durch. Damit stieß sie in der Unionsfraktion in früheren Jahren oft auch auf Widerstand.

Das rächte sich nun: Eine Nominierung zur Präsidentenkandidatin sei nicht allen vermittelbar, hieß es. Widerstände waren auch aus der FDP zu hören, wo ihr Eintreten für Internet- Sperren noch in schlechter Erinnerung ist. Wulff dagegen als Chef einer ziemlich reibungslos funktionierenden schwarz-gelben Landesregierung fand sofort Gefallen bei den Liberalen.

Für die Opposition ist Wulff dagegen kein überparteilicher Kandidat. Schon steht ein Gegenkandidat für die Bundesversammlung am 30. Juni fest: SPD und Grüne wollen den Ex-Chef der Stasi- Unterlagen-Behörde, Joachim Gauck, im Schloss Bellevue sehen.

Bundespräsident
03.06.2010 · 23:06 Uhr
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