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Analyse: Wo sind die zivilen Opfer der Luftangriffe?

Leichenhalle eines Krankenhauses in der Nähe von Bengasi (Foto vom 19.3.2011).Großansicht

Tripolis/Istanbul (dpa) - Das libysche Regime will möglichst viele zivile Opfer der alliierten Luftangriffe vorzeigen. Gaddafi könnte damit die Risse in der Nato und in der Arabischen Liga vergrößern. Doch bislang hat er wenig vorzuweisen.

Seit Samstag schlagen täglich Bomben und Raketen in Libyen ein. Was sie zerstören und wer bei diesen Angriffen umkommt, darüber gehen die Ansichten auseinander. Es sind Meinungen, nicht überprüfte Nachrichten, die hier feilgeboten werden.

Zwar zeigte das libysche Staatsfernsehen seit Beginn der Attacken der Alliierten mehrfach Bilder von Leichen, bei denen es sich um die Opfer der Luftangriffe handeln soll. Und vereinzelt meldeten sich bei den libyschen Medien auch Augenzeugen, die über den Tod von Menschen berichteten, die in der Nähe militärischer Einrichtungen wohnten.

Doch stichhaltige Beweise bleibt das Regime von Oberst Muammar al-Gaddafi bisher schuldig. Auch die arabischen und westlichen Journalisten in Tripolis, die in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt sind, haben diese Berichte bislang nicht bestätigt.

Die Opposition behauptet sogar, die im Fernsehen gezeigten Leichen stammten gar nicht von den Luftangriffen der Alliierten. Vielmehr handele es sich um Opfer der Attacken der Gaddafi-Truppen auf Zivilisten. «Hier in Tadschura gibt es keine zivilen Opfer, sondern nur militärische Schäden. Wir sind hier eingekesselt von sechs Brigaden der Truppen von Gaddafi», erklärt ein Libyer in einem Video, das die Aufständischen am Donnerstag veröffentlichen. Er hat sich eine Decke über den Kopf gehängt, um nicht erkannt zu werden.

Was auch die libysche Staatsmacht nicht bestreitet, ist, dass Franzosen, Briten und Amerikaner bereits mehrere Militärflughäfen und Armee-Stützpunkte bombardiert haben. Außerdem haben sie nach Angaben der Aufständischen mehrfach Truppenverbände attackiert, die versucht hatten, die Rebellenhochburgen, Bengasi, Adschdabija und Misurata einzunehmen.

«Nachdem die Luftwaffe des internationalen Bündnisses Gaddafis Truppen außerhalb von Misurata attackiert hatte, hörte der Beschuss von Wohnhäusern in der Stadt für eine gewisse Zeit auf», zitiert die Oppositionspresse einen Sprecher der Rebellen. Auch den bedrängten Rebellen in Adschdabija verschafften die Angriffe der Allianz eine Atempause.

Wer das libysche Regime kennt, weiß: Gaddafis Propagandamaschine würde zivile Opfer, wenn es diese in großer Zahl gäbe, sicher dem eigenen Volk und der Weltöffentlichkeit präsentieren. Denn für viele Staaten, die bislang zögern, sich der Allianz anzuschließen, ist die Frage entscheidend, wie viele Zivilisten bei diesem Einsatz ums Leben kommen. Die Aktion wurde schließlich beschlossen, um das Leben von Zivilisten zu schützen. Diese Frage ist daher auch entscheidend für die Zustimmung der Arabischen Liga, ohne die es die UN-Resolution über die Durchsetzung einer Flugverbotszone im libyschen Luftraum nie gegeben hätte.

Gaddafi, der den Staaten der westlichen Koalition bereits einen Platz im «Mülleimer der Geschichte» angedroht hat, würde nur zu gern auf der emotionalen Klaviatur der arabischen Brüder spielen und sie mit Bildern zerbombter Wohnhäuser und getöteter Kinder unter Druck setzen. Nur gefunden hat er diese Bilder bisher offensichtlich nicht.

Konflikte / Libyen
25.03.2011 · 23:05 Uhr
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