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Analyse: «Wir befinden uns hier im Krieg»

Franz Josef JungGroßansicht
Berlin (dpa) - So schlimm war die Lage im nordafghanischen Kundus noch nie: Es ist erst wenige Tage her, dass der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe, dieses Fazit nach einem Truppenbesuch am Hindukusch zog.

Vor hochrangigen Gästen in Berlin hatte er sichtlich betroffen wiedergegeben, was die Soldaten ihm gesagt hätten: «Wir bauen hier im Moment keine Brücken und bohren keine Brunnen. Herr Wehrbeauftragter, wir befinden uns hier im Krieg.» Am Dienstag überlebten drei Bundeswehrsoldaten ein Gefecht mit radikal-islamischen Taliban nicht.

Ihnen wurde zum Verhängnis, was bei Kämpfen sonst lebensrettend ist: ihr Panzer. Den Informationen zufolge waren die Männer bei einem Ausweichmanöver mit dem schweren Transporter vom Typ «Fuchs» von der Piste abgekommen. Er stürzte in einen Wassergraben und blieb auf dem Dach liegen. Die Todesursache könnte Ertrinken gewesen sei. Wer einen solchen Panzer von innen kennt, weiß, dass man angesichts harter Kanten und Hebel auch schwerste äußere Verletzungen erleiden kann, wenn sich dieses Kampfgerät überschlägt.

Robbe hatte erzählt, «blutjunge Männer» zögen ins Gefecht. Wenn man mit ihnen spreche, verstehe man die veränderte Sicherheitspolitik in der Welt. Die Bundeswehr bekämpfe nun Aufständische in Afghanistan. «Seit einigen Wochen haben wir die Situation, dass zurückgeschossen wird.» Damit meinte er, dass inzwischen auch die Bundeswehr gezielt gegen die Taliban vorgeht. Die Männer, die dabei am Dienstag starben, sollen kaum älter als 20 Jahre alt gewesen sein.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagte, die Soldaten seien «im Einsatz für den Frieden gefallen». Für Gegner des Einsatzes ist das ein Widerspruch in sich. Wer von Verwundeten und Gefallenen und nicht von verletzten und getöteten Soldaten spreche, benutze bewusst das Vokabular des Krieges. Dies und die Panzer, Waffen und Gefechte passten nicht zur Beschreibung eines Friedenseinsatzes, auch wenn der Frieden in Afghanistan unbestrittenes Ziel der Bundeswehr sei. 35 Männer sind es nun, die seit 2002 in Afghanistan gestorben sind.

Der Wandel der Bundeswehr zu einer Armee im Einsatz lässt sich nicht nur an Verwundeten und Gefallenen ablesen. Es wird im Juli erstmals wieder eine Tapferkeitsmedaille verliehen. Jung und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wollen dann Soldaten auszeichnen, die sich nach einem Selbstmordanschlag im vorigen Jahr nahe Kundus um verletzte Kameraden gekümmert haben.

Die Lage in Kundus hat sich in den vergangenen Monaten enorm verschärft. Die Zahl der Angriffe der radikal-islamischen Taliban ist deutlich gestiegen. «Man muss das sehr ernst nehmen», hatte der Kommandeur des deutschen Wiederaufbauteams (PRT), Oberst Georg Klein, Anfang Juni gesagt. Er zeigte ein Flugblatt, mit dem die Taliban die Zivilbevölkerung einschüchtern. Darin heißt es, wer sich nicht an die Regeln der Scharia halte und mit den «Handlangern der Regierung» zusammenarbeite, der werde zum Tode verurteilt.

Ein ziviler Aufbauhelfer, dessen Name an dieser Stelle nicht genannt werden soll, hatte mutig erklärt, der örtliche Gouverneur sei «tagsüber Gouverneur und nachts ein Taliban». Klein sagte: «Wir können nicht ausschließen, dass sich die Lage weiter verschlechtert.»

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
24.06.2009 · 11:49 Uhr
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