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Analyse: Wahlabend der Extreme am Rhein

Sylvia Löhrmann jubeltGroßansicht
Düsseldorf (dpa) - Riesiger Jubel hier - bleierne Schockstarre da: Wahlabend der Extreme in Düsseldorf. Während bei den nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten und Grünen mit immer neuen Hochrechnungen die Gesichter strahlender werden, reiben sich die Mitglieder von CDU und FDP als bisherige «Macht am Rhein» angesichts ihres ungeahnten Wahldesasters erschrocken die Augen.

In der Minute ihres größten Triumphes steht SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft strahlend vor begeisterten Parteifreunden. Auch wenn die Stimme der sonst so kühlen Ruhrgebietsfrau ganz leicht zittert, meldet sie umgehend ihren Machtanspruch an: «Die Zahlen sind eng», ruft sie und fordert ihre jubelnden Anhänger auf, im Finale des Kampfes um die Düsseldorfer Staatskanzlei die Daumen zu drücken. «Schwarz-gelb ist abgewählt», ruft Kraft in die Menge, die sich in einem Zelt vor der SPD-Parteizentrale in Düsseldorf drängelt.

Sie drückt mit einem Satz aus, was viele SPD-Anhänger seit langem gehofft haben. «Die SPD ist wieder da!». Die Hoffnungsträgerin, die die Führung der NRW-SPD übernahm, als die Partei nach der verlorenen Landtagswahl 2005 am Boden lag, wird gefeiert wie eine Fußball- Weltmeisterin: «Hannelore, Hannelore - Kraft, Kraft, Kraft», skandieren die Jusos minutenlang.

Als kaum einen Häuserblock entfernt um 18.00 Uhr der NRW-CDU das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte prognostiziert wird, kann man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. «Ganz schlimm», raunt ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Union. Die Partygäste ringen mit der Fassung, ihre Gesichter spiegeln eine Gefühlslage zwischen gewaltiger Enttäuschung und blankem Entsetzen. Oben im ersten Stock hält sich Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) mit einigen Vertrauten zunächst verborgen, die Jalousien sind heruntergelassen.

«Dieser Wahlabend ist für die CDU und für mich ein bitterer Abend», sagt der Regierungschef schließlich. «Ich trage persönlich Verantwortung und will sie auch tragen.» Der CDU-Vorstand habe ihn aber gebeten, für Gespräche zur Verfügung zu stehen - gemeint sind etwaige Sondierungen mit SPD oder Grünen.

Wundenlecken auch beim bisherigen liberalen Koalitionspartner der Union. FDP-Chef Andreas Pinkwart macht es kurz und ohne Schnörkel. Kurz nach Schließung der Wahllokale gesteht er die Niederlage ein: «Die FDP hat ihr Wahlziel nicht erreicht.» Nur dürrer Applaus hatte den FDP-Spitzenmann mit der Streichholzfrisur empfangen. Dann entgeisterte Blicke, Kopfschütteln, herabhängende Mundwinkel, versteinerte Gesichter. Aber in der Altstadt-Traditionsgaststätte war man auf alles vorbereitet: «Wir haben Champagner und Magenbitter kaltgestellt.»

Riesige Freude hingegen bei der Linken, die noch ganz bescheiden in eine Jugendherberge am Rheinufer eingeladen hat - allerdings mit Blick auf den nahen Landtag. Gleich die erste Prognose erlöst die Genossen vom langen Bangen vor der 5-Prozent-Hürde. Dann bei ihnen erleichterte Umarmungen, leuchtende Augen und geballte Fäuste. «Das ist ein historischer Moment», konstatiert Spitzenkandidatin Bärbel Beuermann. Ob sich die Partei auch an der neuen Landesregierung beteiligt, wird erst am Ende der wohl schwierigen Koalitionsverhandlungen klar sein. Beuermann: «Ein Politikwechsel wird an uns aber nicht scheitern.»

Jenseits aller Lärmschutz-Richtlinien liegt der Jubel bei den NRW- Grünen: Punkt 18.00 Uhr prophezeit ihnen die erste Fernsehprognose mit unerwartet starken 12,5 Prozent das bisher beste Ergebnis bei einer NRW-Landtagswahl. Flugs klettert Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann in einem Bistro am Düsseldorfer Rheinufer, in dem die Wände gefährlich wackeln, auf eine improvisierte Bühne: «Grün wächst in NRW» ruft sie den «lieben Freundinnen und Freunden» zu. «Wir sind ganz klar mit dickem Abstand die dritte Kraft in NRW und Schwarz-Gelb ist weg», erklärt die Grünen-Frontfrau in grün geblümter Seidenjacke ihren jubelnden Anhängern, die nun eine Neuauflage von Rot-Grün am Horizont über dem sonnig glitzernden Rhein kommen sehen.

Wahlen / Landtag / Nordrhein-Westfalen
10.05.2010 · 02:50 Uhr
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