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Analyse: Vulkanausbruch lehrt den Easyjetset Demut

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Hamburg (dpa) - Die massenhaften Flugausfälle nach dem Vulkan-Ausbruch auf Island führen eindrucksvoll vor, wie eine Naturgewalt dem Menschen seine Grenzen aufzeigen kann. Der Mobilitätsanspruch und eng getaktete Termine sind nicht alles.

Wenn der Vulkan spuckt und der Wind «falsch» weht, muss der Mensch kuschen. Der Auswurf des Bergs als Staub im Getriebe einer schnellen Gesellschaft.

Selbst der mächtigste Mann der Welt muss sich manchmal fügen. US-Präsident Barack Obama konnte am Sonntag nicht wie geplant zur Trauerfeier für den polnischen Präsidenten Lech Kaczynski anreisen. Dass Obama um 13.00 Uhr in Krakau und zum Abendessen zurück in Washington sein wollte, reizte den französischen Philosoph Alain Finkielkraut in der Zeitung «Le Journal du Dimanche» zu der Einschätzung: «Dieses Programm hat etwas Erschreckendes und sogar Obszönes. Die Entfernungen unterdrücken, die Welt in eine sofort verfügbare Sache verwandeln (...) Wollen wir das wirklich? Die Wolke rät uns unerwartet zu Bescheidenheit und Langsamkeit.»

Doch nicht nur die Mächtigen, auch die Massen, haben das Flugzeug - eine der erstaunlichsten Erfindungen der Menschheit - in den vergangenen Jahren ziemlich entwürdigt. Es wurde zu einer Art Taxi degradiert, zu einem bequemen Verkehrsmittel, dass man mal eben so nimmt. Vor Jahren warb eine Fluglinie sogar mit dem Spruch «Fliegen zum Taxi-Preis». Ein treffendes Sinnbild für die Kultur des Billigfliegens, die sich eingebürgert hat.

Für ein Wochenende von Deutschland nach Schweden oder Italien jetten - um zu shoppen, zu feiern, zu schlemmen oder einfach nur zu gucken. Das war noch in den 80er und frühen 90er Jahren nur reichen Exzentrikern vorbehalten. Inzwischen können es sich auch Studenten leisten, weil jeder, der rechtzeitig bucht, von Madrid nach Berlin für weniger als 100 Euro kommt.

Der Autor Tobias Rapp hat ein Buch über das Nachtleben der deutschen Hauptstadt geschrieben, in dem sich viele hedonistische Nomaden tummeln, die zwar wenig Geld in der Tasche, aber viel Ausdauer beim Tanzen haben: «Lost and Sound: Berlin, Techno und der Easyjetset».

Das alte Wort vom Jetset (Duden-Definition: «Gruppe reicher, den Tagesmoden folgender Menschen») verknüpft sich hier mit dem Namen der Billig-Airline «Easyjet». Das Motto des «Easyjetsets»: Alle sind High-Society, alle hoch oben in der Luft. Heute hier, morgen da, frei und ungezwungen.

Doch Asche aufs Haupt bringt der Vulkan. Der ökologisch orientierte «Verkehrsclub Deutschland» wies bereits am Freitag nach den ersten Luftraumsperrungen «auf die Empfindlichkeit des Flugverkehrs für extreme Naturereignisse» hin. Monika Ganseforth aus dem VCD-Vorstand sagte, die Ausfälle zeigten, «wie stark der Flugverkehr auf stabile natürliche Bedingungen angewiesen ist».

Der VCD machte gleich mit erwartbaren Forderungen weiter: Zwar sei ein Vulkan nicht zu beeinflussen, jedoch die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung sei dies schon. Und auch sie werde Wetterextreme herbeiführen. «Die Fluggesellschaften müssen erkennen, dass sie einen erheblichen Beitrag zum Klimawandel leisten, aber zugleich im Verkehrsbereich am stärksten von den Folgen betroffen sein werden.» Flugzeuge sind die klimaschädlichste Art der Fortbewegung und zugleich das Verkehrsmittel mit den stärksten Zuwächsen.

Vulkane / Luftverkehr / Gesellschaft / Island
19.04.2010 · 23:05 Uhr
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