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Analyse: Vorzeige-Gefängnis zeigt seine Schwachstelle

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Aachen (dpa) - Bis Donnerstag war die Bilanz lupenrein. In der Geschichte der Justizvollzugsanstalt Aachen gab es keinen Ausbruch. Ausbruchsicher heißt das im Jargon. Nach außen gleicht der Bau einer Festung: Eingerahmt von hohen Mauern, gespickt mit Kameras, Tag und Nacht erleuchtet.

Zur kriminellen Prominenz gehörten vorübergehend die Gladbecker Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Nun ist der GAU passiert, der Größte Anzunehmende Unfall: Zwei Schwerverbrecher brachen aus, bewaffnet und hochgefährlich. Seitdem steht die Frage im Raum: Wie konnte das passieren?

Bei ihrer Eröffnung 1995 galt das Gefängnis als eines der modernsten in Europa. Von den rund 800 Gefangenen verbüßen 130 Schwerverbrecher lebenslange Haftstrafen und Sicherungsverwahrung. Es gibt Drogenkriminelle und Kinderschänder, deren Unterbringung anderswo nicht sicher scheint.

Die schwere, streng gesicherte Tür an der Pforte führt in einen komplexen Mikrokosmos aus Schleusen, ausbruchsicheren Türen, Schlössern, Kameras und strengen Regeln. Beim Amtsantritt vor einigen Monaten war der neuen Chefin Reina Blikslager bewusst, wie niedrig die Hemmschwelle zur Flucht bei Langzeithäftlingen ist. «Man muss hier nah am Menschen sein. Wer nichts zu verlieren hat, kann auf Gedanken kommen», sagte sie damals.

Michael Heckhoff (50) und Peter Paul Michalski (46) setzten diese Gedanken am Donnerstag in die Tat um. Ohne Verbündeten ist das jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. Fünf schwere, verschlossene Türen versperrten ihnen den Weg in die Freiheit. Wahrscheinlich half ein Gefängniswärter, ein relativ junger Kerl, «der mitten im Leben steht», wie der Vorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten, Nordrhein-Westfalen, Klaus Jäkel, am Samstag sagte.

In einem solchen Fall bringe das ganze Sicherheitssystem nichts, meinte Jäkel. Geldzahlungen kommen als Motiv für die Hilfe kaum infrage. Bei einem Erklärungsversuch spielt für Jäkel eher die Stimmung unter dem Justizpersonal eine Rolle. «In Aachen herrscht großer Frust», erklärte er. Das spiegelt sich für ihn in dem überaus hohen Krankenstand wider.

Nach einem internen Papier waren am Tag des Ausbruchs 42 von 249 Vollzugsbeamten krankgemeldet, das sind knapp 16 Prozent. In Spitzenzeiten sind es bis zu 20 Prozent. Für die übrigen bedeutet das Dauerdienst auch an Sonn- und Feiertagen, Probleme in der Familie und Krankheiten. Jeder Bedienstete schiebe 178 Überstunden vor sich her.

Auch wenn die Wärter nach Dienstschluss heimgehen, leben sie tagsüber mit den Gefangenen. Natürlich entwickeln sich über Jahre Beziehungen. «Heckhoff hat offensichtlich eine gute Gabe, auf Menschen einzuwirken», sagte Jäkel. Aber jeder Wärter müsse sich der «Gefahr» bewusst» sein, dass Gefangene ihn möglicherweise vereinnahmen wollen. Trotz dieser Überlegungen ist der Ausbruch von Aachen für Jäkel etwas «völlig Absurdes», ein «Super-GAU», etwas, das er noch nie erlebt hat.

Die Aachener haben die Justizvollzugsanstalt (JVA) nie als Problem gesehen. Angst war kein Thema. In Medien wurde der Aachener Knast immer wieder als Vorzeige-JVA bezeichnet. Gründe waren auch die zum Teil ungewöhnlichen Aktionen: Seit Jahren finden Theateraufführungen und Konzerte mit auswärtigen Künstlern statt. Es gibt klassischen Klavierunterricht und vor zwei Jahren haben Gefangene auswärtige Gäste mit einem Gala-Dinner hinter Gittern bewirtet.

Kriminalität / Justiz
29.11.2009 · 21:44 Uhr
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