News
 

Analyse: Vor UN-Sitzung schlägt Regime brutal zu

FriedensdemonstrationGroßansicht

Kairo/Beirut (dpa) - Kurz vor der Sitzung des zerstrittenen Weltsicherheitsrats schlug Syriens Regime noch einmal brutal zu.

«Mehr als 350 Mörsergranaten wurden auf den Stadtteil Al-Chalidija gefeuert», beschrieb Oppositionsaktivist Omar Idlibi den nächtlichen Angriff auf die seit Monaten umkämpfte Protesthochburg Homs. Ein mehrstöckiges Gebäude sei dem Erdboden gleich gemacht worden, zwei weitere massiv beschädigt. Es wurde mit mindestens 300 Toten und mehr als 1000 Verletzten die blutigste Nacht seit Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad.

Am Morgen hörte der Dauerbeschuss auf, doch die Bedrohung blieb. Bewohner berichteten, dass sich nun Heckenschützen auf den Dächern postiert hätten. Noch immer seien Menschen verschüttet, unter den Trümmern ihrer Wohnhäuser begraben. Doch Rettungsarbeiten - beinahe unmöglich. «Sie schießen auf alles, was sich bewegt», sagte Idlibi. Die Ärzte in den Krankenhäusern seien mit der Versorgung der Verletzten überfordert, Blutkonserven fehlten, auch Medikamente und Verbandsmaterial. Assad-Milizen stürmten nach Angaben von lokalen Oppositionsgruppen ein Krankenhaus und nahmen Dutzende Verletzte mit.

Seit März geht Syriens Regime immer brutaler gegen seine Gegner vor. Mindestens 5600 Menschen kamen nach Schätzungen der Vereinten Nationen ums Leben. Doch die Zahl der Todesopfer dürfte inzwischen deutlich höher liegen.

Der UN-Sicherheitsrat und die Arabische Liga schauten der Gewalt bislang hilflos zu: Eine scharfe Resolution gegen die Assad-Regierung wurde bisher von Russland und China verhindert, die arabischen Staaten konnten sich gerade einmal auf wenige Wirtschaftssanktionen und den Einsatz von Beobachtern einigen. Doch auch diese Mission wurde wegen der andauernden Gewalt abgebrochen.

Die staatlichen syrischen Medien wollten von einem Blutbad in Homs indes nichts wissen. Der Alltag der Menschen im Umland von Damaskus, Hama und Homs sei völlig normal, berichteten Korrespondenten der Agentur Sana aus den Krisengebieten. Die Berichte, die die Welt schockierten nichts als «aufhetzende Medienkampagnen», um den UN-Sicherheitsrat vor der Abstimmung über eine Syrien-Resolution zu beeinflussen.

Die Gewalt in dem Land gehe allein von «bewaffneten terroristischen Gruppen» aus, schrieb die Agentur. Ein Video, das die Opposition ins Internet stellte und das nach Angaben der Aktivisten einige bei dem Bombardement getötete Bewohner von Homs zeigt, wurde als Fälschung kritisiert. Es handele sich bei den Toten um die Leichen von Zivilisten, die von den «Terroristen entführt, gefoltert und ermordet» worden seien.

Berichte aus Syrien sind wegen der andauernden Medienblockade und der Gewalt vor Ort nur schwer zu überprüfen. Die wenigen Journalisten, die im Land arbeiten, sind ständigen Angriffen ausgesetzt. Nach Angaben von Reportern ohne Grenzen gehört Syrien zu den fünf Ländern der Welt, die die Pressefreiheit am meisten einschränkt haben - gemeinsam mit dem Iran und Nordkorea. Allein seit Jahreswechsel seien dort bereits zwei Journalisten bei ihrer Arbeit ums Leben gekommen.

Sicher scheint jedoch, dass die neue Eskalation nur zu einem weiteren Gewaltausbruch führen wird. Die oppositionelle syrische Muslimbruderschaft verbreitete über den Mitteilungsdienst Twitter Äußerungen eines desertierten Offiziers, der drohte: «Jetzt ist Schluss mit friedlichen Protesten.» Die Antwort auf die Offensive in Homs werde ein Angriff der Deserteure in Damaskus sein.

Konflikte / Syrien
04.02.2012 · 21:31 Uhr
[2 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

 

Weitere Themen