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analyse: Verkehrs-Chaos - Bloß Management-Fehler?

Berlin (dpa) - «Alle reden vom Wetter. Wir nicht» - so hieß eine 1966 gestartete berühmte Werbekampagne der Bahn, damals noch Bundesbahn. Das ist lange her, muss man wohl spätestens nach den teils chaotischen Verhältnissen zu Weihnachten sagen. Überhaupt: 2010 war ein Schreckensjahr für die Bahn - im Sommer fielen folgenreich Klimaanlagen in Zügen aus, im Winter gibt es massive Schnee- und Eis- Probleme. Und auch im Flugverkehr häuften sich jüngst die Probleme. Viele Experten sehen das Chaos auf Schienen und Flughäfen in den letzten Tagen als hausgemacht.

Er wolle nie mehr Bahn fahren, fluchte ein Fahrgast in einem liegengebliebenen ICE-Hochgeschwindigkeitszug an Heiligabend. Doch wütende Menschen wie er waren selten, berichtete ein dpa-Reporter aus dem Zug. Die Mehrheit nahm das Chaos gelassen. «Die Bahn kann ja auch nichts dafür, wenn Eisregen kommt. Die können die Leitung ja schlecht überdachen», sagte eine 64-Jährige. Stimmt. Doch Eisregen ist nach Einschätzung von Experten das einzige Problem, gegen das sich die Bahn nicht wappnen kann. Umgefallene Bäume oder kaputte Weichenheizungen seien dagegen Folgen verfehlten Sparens.

«Eine Bundesregierung, die seit Jahren nur Sparen von der Bahn fordert, darf sich nicht darüber wundern, wenn Züge und Strecken unter extremen Witterungsbedingungen ausfallen oder Fahrpläne nicht eingehalten werden», erklärte Matthias Oomen, Sprecher des Verbraucherverbandes Pro Bahn. «Wenn sich heute Managementfehler der letzten Jahre und Jahrzehnte zeigen, dann ist das ein Ergebnis der Bundespolitik, die von den Managern der Bahn fordert, an der Substanz zu sparen.» Viel zu oft würden Weichenheizungen fehlen oder seien noch Signale mit alter Technik im Dienst.

Auch für die Fahrzeugprobleme, die die Kapazitäten der Bahn im Fernverkehr einschränken, sieht der Fahrgastverband die Politik mitverantwortlich. «Bei Einkauf und bei Wartung der Fahrzeuge muss die Bahn sparen, weil sie die höchste Mehrwertsteuer auf Fahrkarten in Europa abführen muss. Das erklärt, warum trotz gleicher Fahrpreise die Qualität von Bahnreisen in Deutschland schlechter ist als in Nachbarländern, in denen mehr Schnee fällt.»

Bahnchef Rüdiger Grube bestreitet, dass die Bahn vor seinem Amtsantritt im Mai 2009 kaputtgespart wurde. «Unsere Recherchen bestätigen nicht, dass die jetzigen Probleme mit dem Sparkurs vor dem geplanten Börsengang in der Ära Mehdorn zusammenhängen», sagte er vor einigen Monaten, als reihenweise Klimaanlagen in ICE ausfielen.

Andererseits hat Grube Mängel im System des öfteren eingeräumt. Deshalb sollen in einem Fünf-Jahres-Programm 330 Millionen Euro in mehr Personal, neue Technik und klarere Informationen investiert werden. Bei den Achsenproblemen der ICE-Züge und den vielen Technikpannen von Regionalzügen und S-Bahnen weist die Bahn den Herstellern Verantwortung zu. Da habe es zuletzt oft an der Zuverlässigkeit der Fahrzeuge gemangelt, sagen Bahnmanager.

Woanders läuft es besser - das sagt auch beim Flugverkehr Professor Sebastian Kummer vom Wiener Institut für Transportwirtschaft und Logistik. Zu den jüngsten Problemen in Frankfurt, Paris oder London sagte er im ORF-Fernsehen («ZIB 2») am Montag vergangener Woche: «Man muss sagen, dass die Flughäfen wohl offensichtlich sehr schlecht vorbereitet sind und dass die Anreize für die Flughafengesellschaften falsch gesetzt sind.»

Der Flughafen müsse nichts zahlen bei Problemen, und das führe dazu, dass an der falschen Stelle gespart werde, sagte Kummer. Beispiel Heathrow: Dort seien Milliarden in ein neues Terminal investiert worden, aber nur ein paar Millionen für die Schneeräumung und Enteisungsanlagen. «Man nimmt da in Kauf oder spekuliert, dass es eben einfach nicht schneit.» Länder, in denen es öfter schneie - wie Finnland - seien viel besser vorbereitet. Ausdrücklich lobte Kummer die Flughäfen von Wien oder München, die besser gemanagt würden.

Eigentlich sei doch alles klar: Ein Flughafen müsse investieren in Enteisungsanlagen, in Bestände von Enteisungsmittel und eben in Schneeräumungsanlagen, sagte Kummer: «Mehr ist es nicht.» Wenn aber weiter gespart werde, entpuppten sich die großen Airports in Europa als «Schwachpunkt im europäischen Verkehrssystem». Auch mit Blick auf die Konkurrenzsituation (Kummer: «Die arabischen Airlines greifen sehr stark an») wären die großen europäischen Drehkreuze gut beraten, ihre Management-Missstände aufzulösen.

Wetter / Verkehr / Bahn / Flughäfen / Gesellschaft
26.12.2010 · 13:15 Uhr
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