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Analyse: Verdeckte Ermittlung aus der Hosentasche

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Berlin (dpa) - Auf den ersten Blick wirkt die lückenlose Erfassung des Aufenthaltsorts wie das Schreckensszenario einer rundum überwachten Gesellschaft: Erstaunt schauten sich iPhone- und iPad-Nutzer in aller Welt ihr Bewegungsprofil der vergangenen Monate an, das eine kleine Software auf dem Mac anzeigt.

Stimmt, im Januar war ich doch in München. Und in Berlin bin ich vor allem in Charlottenburg und in Mitte unterwegs.

Der von den IT-Experten Alasdair Allan und Pete Warden auf einer Fachkonferenz in Kalifornien vorgestellte iPhoneTracker macht den Inhalt einer versteckten Datei sichtbar, von der die Nutzer der mobilen Apple-Geräte bislang keine Ahnung hatten. Niemand hat ihnen gesagt, dass iPhone und iPad - sofern es mit der Sim-Karte eines Mobilfunkanbieters bestückt ist - jeden Aufenthaltsort automatisch aufzeichnen.

Bei der Synchronisierung mit iTunes, der zentralen Apple-Software für die Verwaltung der mobilen Geräte, werden die Daten in einer XML-Datei erfasst. Mit der Zeit sammeln sich hier zehntausende von Einträgen mit Längen- und Breitengraden aller erfassten Aufenthaltsorte, soweit dies die Technik anhand der Mobilfunkzellen feststellen konnte.

«Diese Speicherung von Standortdaten ohne Kenntnis der Betroffenen wäre nach deutschem Datenschutzrecht sicherlich nicht zulässig», sagte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar am Donnerstag im der Nachrichtenagentur dpa - «insbesondere dann nicht, wenn diese Daten nicht einmal zur Erbringung eines Dienstes benötigt werden, und danach sieht es ja im Augenblick aus.» An der Angelegenheit sei bereits die Datenschutzbehörde Bayern dran. Er gehe von einer negativen Bewertung aus und «dann muss Apple seine Praxis ändern».

Den Hintergrund für das Erfassen der Ortungsdaten vermuten Experten wie Alex Levinson in der technischen Unterstützung von ortsbezogenen Diensten wie der Kartennavigation oder der Geokodierung von Fotos, die mit der iPhone-Kamera aufgenommen werden. Diese Dienste werden seit dem Update auf das Apple-Betriebssystem iOS 4 auch im Hintergrund bereitgestellt - also auch dann, wenn gerade eine andere Anwendung auf dem Bildschirm des mobilen Geräts angezeigt wird.

Auch die Mobilfunkanbieter müssen aus technischen Gründen sowie zur Erstellung von Rechnungen Aufenthaltsorte erfassen. «Wenn Sie sich mit Ihrem Mobiltelefon bewegen, wird neben der aktuellen Mobilfunkzelle auch die Anfangsfunkzelle gespeichert», sagte Deutsche-Telekom-Sprecherin Alexia Sailer. Es sei aber immer nur der aktuelle Aufenthaltsort bekannt. «Die vorherigen Ortungen werden gelöscht. Bewegungsprofile werden nicht gespeichert.»

Beim Chaos Computer Club (CCC) in Berlin wird das mobile Internet schon lange skeptisch beäugt. Die Club-Sprecher Constanze Kurz und Frank Rieger legten in der vergangenen Woche das Buch «Die Datenfresser» vor, mit einem speziellen Kapitel über Ortungsdienste: «Wir wissen, wohin Du gehst!» Die Aufzeichnung von Ortsangaben der iPhone-Nutzer sei ein Weckruf, sagte Rieger am Donnerstag. Dies zeige, «wie wenig wir unsere Mobiltelefone unter Kontrolle haben».

Bei der Erfassung und Speicherung von Ortsangaben bestehe vor allem das Risiko, das Telefon zu verlieren - mitsamt den Bewegungsdaten. Auch könne sich ein Anderer Zugriff auf den Computer mit den Ortungsdaten verschaffen. Ermittler könnten womöglich einen Computer beschlagnahmen und dann ohne Wissen des Betroffenen die Aufenthaltsorte analysieren.

Datenschützer Schaar sieht das zentrale Problem darin, «dass jeder unserer Schritte nachvollzogen werden kann, egal ob ich zum Arzt gehe, ob ich eine Urlaubsreise mache oder mich mit jemandem treffe». Er plädiert für eine gesetzliche Grundlage zur Regelung von Ortungsdiensten auf Smartphones. «Dieses Tracking, dieses Verfolgen eines jeden Schritts darf es nicht geben!»

Internet / Telekommunikation / Datenschutz
21.04.2011 · 22:21 Uhr
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