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Analyse: Umstrittenes Uran-Geschenk aus der Ukraine

Moskau/Wien (dpa) - Zehn Jahre haben die USA versucht, die Ukraine zur Abgabe ihres letzten atomwaffenfähigen Urans zu bewegen. Lange hielt das nach Russland zweitgrößte Flächenland Europas an dieser «Sicherheitsgarantie» fest, um Aggressoren abzuschrecken.

Doch nun der Durchbruch. Der neue Staatschef des Landes, Viktor Janukowitsch, brachte zum Antrittsbesuch bei US-Präsident Barack Obama in Washington ein Geschenk mit. Die Ukraine gebe ihr letztes hochangereichertes Uran ab, sagte Janukowitsch und ließ Obama von einem ersten guten Ergebnis bei seinem Atom-Gipfel sprechen. Doch in der Ex-Sowjetrepublik ist dieser Schritt nicht unumstritten.

Es geht nach Angaben von Medien in Kiew um 90 Kilogramm hochangereichertes Uran, mit dem mehrere Atomsprengköpfe hergestellt werden könnten. Könnten! Das völlig verarmte Land hat es in den Jahren seiner Unabhängigkeit nie geschafft, einen eigenen Nuklearkreislauf aufzubauen. Vielmehr muss die Führung noch heute mit den schwerwiegenden Folgen der Tschernobyl-Atomkatastrophe von 1986 fertig werden - auch mit internationaler Unterstützung.

Zwar will die Ukraine ungeachtet dieses größten Strahlenunfalls in der Geschichte der zivilen Nutzung der Nuklearenergie auch künftig Atomkraftwerke bauen. Doch mit der Lagerung des nicht zuletzt bei Terroristen begehrten atomwaffenfähigen Urans ist jetzt Schluss. Jahrelang hatte sich Janukowitschs Vorgänger, der im Januar abgewählte Russland-Gegner Viktor Juschtschenko, an die Uran-Reserven geklammert. Doch ausgerechnet der NATO-Gegner Janukowitsch lenkte nun ein. Der Politiker betonte immer wieder, dass sein Land mit dem Westen und Russland zusammenarbeiten wolle.

Das in Charkow am physikalisch-technischen Institut und an der Nationalen Universität für Kernenergie und -industrie in Sewastopol auf der Halbinsel Krim gelagerte Uran kehrt nun nach Russland zurück. Ukrainische Ultranationalisten kritisierten den Schritt. Janukowitsch gefährde die nationale Sicherheit, er sei eingeknickt vor den USA, ohne einen Schutz des Landes auszuhandeln, kritisierte der Chef der Partei Swoboda, Stas Romanenko. Die Ukraine als Land mit den sechstgrößten Uranvorkommen der Welt und intensivem Bergbau habe die Chance verpasst, selbst zu einer Atommacht zu werden.

Die Ukraine hat den umstrittenen Brennstoff für Forschungsreaktoren beispielsweise zu medizinischen Zwecken benötigt. Eine neue Generation solcher Reaktoren kommt aber ohne dieses hochgefährliche Material aus und kann mit niedrig angereichertem Uran arbeiten. Die ukrainischen Einrichtungen sollen nun umgebaut werden - mit technischer und finanzielle Hilfe aus den USA.

Längst ist die Ukraine nicht das erste Land, das diesen Schritt geht. Die Modernisierung alter wissenschaftlicher Atomeinrichtungen aus Sicherheitsgründen ist seit vielen Jahren ein Anliegen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien. Nach ihren Angaben arbeiten weltweit noch 75 der 250 Forschungsreaktoren mit hochangereichertem Uran, was die Behörde für risikoreich hält.

Will ein Mitgliedsstaat wie die Ukraine sein gefährliches Uran loswerden, unterstützt die IAEA den Rücktransport in Herkunftsländer wie USA oder Russland. Dort wird der Brennstoff dann sozusagen entschärft: Durch die Vermischung mit anderem Uran wird der Anreicherungsgrad verringert. Der Brennstoff kann dann beispielsweise für die Stromerzeugung verwendet werden. Dies geht nur mit frischem Uran. Bereits verwendetes hochangereichertes Uran kommt in eine Wiederaufbereitungsanlage: Ein Teil kann nach dem Prozess wiederverwendet werden, der Rest muss als Atommüll gelagert werden.

Nach dem Willen der IAEA sollen bis zum Jahr 2020 alle 250 Reaktoren modernisiert sein und mit niedrig angereichertem Uran arbeiten. Zuletzt haben nach Angaben der Behörde unter anderem Tschechien, Serbien, Bulgarien und Vietnam umgerüstet.

Atom / Gipfel / USA / Ukraine
13.04.2010 · 23:37 Uhr
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