News
 

Analyse: Staatsbesuch mit Fahrrad

Bundespräsident Christian Wulff hat für den vierjährigen Sohn des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai ein Fahrrad mit nach Kabul gebracht. Foto: Wolfgang Kumm

Kabul (dpa) - Das auffälligste Requisit des Staatsbesuchs in Afghanistan war ein Gastgeschenk für den jüngsten Sohn von Präsident Hamid Karsai. Ein kleines buntes Kinderfahrrad mit Stützrädern begleitete die Delegation von Berlin bis in den Präsidentenpalast von Kabul.

Fast ein heiteres Symbol der Reise, die am Sonntag ernst, staatstragend und mit allem protokollarischen Pomp begann. Bundespräsident Christian Wulff wollte keine Fehler machen. 2010 hatte sein Vorgänger Horst Köhler Afghanistan besucht, aber nur die deutschen Truppen im Norden des Landes. Die Hauptstadt mied er. Präsident Karsai wurde übergangen und nahm dies durchaus übel. Heute begrüßt Karsai den neuen Bundespräsidenten als «alten Freund» und hat nette Worte auch für den deutschen Steuerzahler, der schließlich das Engagement in Afghanistan finanziert.

Aber es war nicht nur das Beispiel Köhlers, das Wulff vor Augen hatte. Ein Truppenbesuch alleine wäre nicht das richtige Signal gewesen. Schon gar nicht zu diesem Zeitpunkt, keine zwei Monate vor der Afghanistan-Konferenz in Bonn. Wulff schlug denn auch den großen historischen Bogen und erinnerte daran, dass der afghanische König Amanullah 1928 zum Staatsbesuch in Berlin war. Vier Jahrzehnte später reiste Bundespräsident Heinrich Lübke nach Kabul, und nun, 44 Jahre danach, Wulff zu Karsai.

Nach seiner Ankunft lobte Wulff das pulsierende Leben in den Straßen Kabuls - trotz Armut und Elend, die in der Hauptstadt auch für den Afghanistan-Neuling kaum zu übersehen sind. Zumindest konnte der Bundespräsident daran erkennen, wie viel es beim zivilen Wiederaufbau noch zu tun gibt.

Bei einem Treffen mit Menschen- und Bürgerrechtlern setzte Wulff den Akzent seiner Reise: Es geht nicht mehr in erster Linie ums Militärische. Doch gerade die anwesenden Frauen äußerten in dem Gespräch auch die Sorge, dass mit dem Abzug der internationalen Truppen Ende 2014 vieles wieder auf dem Spiel stehe, was in den letzten Jahren erreicht wurde.

Gastgeber der Konferenz Anfang Dezember in Bonn sind nicht die Deutschen, sondern die Afghanen. Klar ist, dass es nur eine afghanische Delegation geben wird. Wenn zu dieser auch Taliban gehören, dann müssen sie dem Terror abgeschworen und die afghanische Verfassung akzeptiert haben. Das ist die «rote Linie», von der auch deutsche Diplomaten sprechen.

Wulff sieht Deutschland bei der Konferenz in der Rolle des «ehrlichen Maklers». Mit diesem Zitat Otto von Bismarcks hebt er die historische Dimension hervor. Seit rund 100 Jahren ist Deutschland ein verlässlicher Freund Afghanistans, und das ist viel für ein Land, in dem Misstrauen eine mächtige Rolle spielt.

Die Freundschaft soll halten, über 2014 und den bis dahin anvisierten Abzug der Bundeswehr hinaus. Deshalb hat Wulff das «große Kino» Staatsbesuch gewählt. Er spricht Erfolge der letzten Jahre an, etwa in den Bereichen Bildung und Gesundheit. Er nennt aber auch deutlich Defizite: Korruption, Drogenwirtschaft, Ineffizienz.

Der Bundespräsident will das zivile Engagement Deutschlands betonen. Doch dass es noch für einige Zeit ohne Militär nicht gehen wird, zeigt die Anwesenheit des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Volker Wieker, der Wulff begleitet. Zudem legt sich auch auf dieser Reise niemand auf eine Zahl für den Abzug deutscher Soldaten fest, der noch in diesem Jahr beginnen soll. Am Abend traf Wulff dann im Regionalkommando Nord der internationalen Schutztruppe Isaf in Masar-i-Scharif ein. Der erste Weg führte ihn zum Ehrenhain für die ums Leben gekommenen deutschen Soldaten.

Das kleine bunte Kinderfahrrad war inzwischen ohne viel Pomp im Garten des Präsidentenpalastes übergeben worden, beladen mit einem üppigen Paket Schokolade, das in der Sonne sicher gelitten hat. Karsais Sohn Mirwais ist vier und wird die Stützräder wohl nicht mehr lange brauchen. Mit der Übernahme der Sicherheitsverantwortung und vor allem mit dem zivilen Engagement in Afghanistan wird es viel länger dauern.

Links zum Thema
Bundespräsident
International / Bundespräsident / Afghanistan / Deutschland
16.10.2011 · 22:04 Uhr
[1 Kommentar]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

News-Archiv

 
Diese Woche
14.12.2017(Heute)
13.12.2017(Gestern)
12.12.2017(Di)
11.12.2017(Mo)
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen