News
 

Analyse: SPD setzt auf «Last-Minute-Swing»

Mittendrin: Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering auf dem Rathausplatz von Augsburg.Großansicht
Berlin (dpa) - Nur noch Aufräumarbeiten und Pflichttermine werden erledigt. Von Auflösungserscheinungen in der großen Koalition will zwar noch niemand offen sprechen. Doch drei Wochen vor dem Tag der Entscheidung leert sich in Berlin allmählich die Regierungsmeile.

Die sozialdemokratischen Hauptakteure sind fast nur noch auf Achse. An mangelndem persönlichen Einsatz soll es jedenfalls nicht gelegen haben, wenn am 27. September der unverdrossen angepeilte Machtwechsel verpasst wird und nach elf Jahren womöglich der Gang in die Opposition ansteht.

Kaum einer seiner SPD-Vorgänger hat sich ein so strapaziöses Pensum verordnet wie Frank-Walter Steinmeier. Der SPD-Kanzlerkandidat ist kreuz und quer durch die Republik unterwegs, um doch noch für sich und seine Partei Boden gutzumachen. Bis zum Wahltag haben er und Parteichef Franz Müntefering sich auf fast 60 Großkundgebungen zwischen Flensburg und Rosenheim angekündigt - immer auf Marktplätzen, wo auch Gerhard Schröder vor vier Jahren seine fast noch geglückte späte Aufholjagd startete.

Unbeeindruckt von deprimierenden Umfragen verbreiten die SPD-Kampagnenmanager Zuversicht, dass ein solches Wunder wiederholbar ist. Stimmung und Zulauf bei den Kundgebungen seien deutlich besser als die Vorhersagen der Demoskopen, wird immer wieder versichert. Dass trotz der verbleibenden knappen Zeit noch einiges in Bewegung kommen kann, hätten auch die letzten Landtagswahlen gezeigt, so ist man in der SPD-Zentrale fest überzeugt.

Die Parteispitze setzt dabei auf ein neues Konzept, das bei der Kommunalwahl im Ruhrgebiet erstmals ausprobiert wurde. «Graswurzel- Wahlkampf» lautet die Strategie, die bereits bei der US-Präsidentschaftskampagne von Barack Obama mit Erfolg zum Einsatz kam. Verstärkt will die SPD in den kommenden Wochen wieder den engen Schulterschluss mit Vorfeld-Organisationen wie Wohlfahrts- und Sozialverbänden suchen - beide verbindet immerhin eine lange gemeinsame Geschichte.

In diesem Umfeld will sich die SPD als Partei in Erinnerung bringen, die sich konkret um Alte, Schwache und Kranke kümmert. Bis hin zu Hausbesuchen auf lokaler Ebene sollen diese einstigen Stammwähler nach Jahren der Entfremdung wegen Hartz IV und Rente mit 67 wieder zum Gang ins Wahllokal und zur Stimmabgabe für die SPD bewegt werden. Davon erwarten sich die SPD-Planer zumindest einen zählbaren Mobilisierungsschub für den Wahltag.

Die größten Hoffnungen, entgegen den Prognosen doch noch ein ordentliches Ergebnis zu schaffen, richten sich bei den Sozialdemokraten auf die Schlussphase des Wahlkampfs. Immer wieder wird auf den «Last-Minute-Swing» verwiesen, mit dem schon Schröder wiederholt die Konkurrenz überraschte. Die Planungen dafür gehören zum festen SPD-Kampagnendrehbuch.

Wahlforscher haben herausgefunden, dass sich die Bevölkerung angesichts abnehmender Stammwählerschaften und rasant steigender Anteile von Wechselwählern im Lande immer kurzfristiger entscheiden. So haben Untersuchungen zum Wahlverhalten ergeben, dass bei der Bundestagswahl 2005 fast ein Viertel der Wahlberechtigten noch während des Wahlkampfs ihre Partei-Präferenz änderte. Davon entschied sich laut verschiedenen Studien eine starke Gruppe endgültig erst am Wahlwochenende oder sogar erst in der Wahlkabine.

Wahlen / Bundestag
16.09.2009 · 22:19 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

Weitere Themen