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Analyse: Soldaten fühlen sich im Stich gelassen

Kundus/Berlin (dpa) - Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist ein Mann der klaren Worte.

Bereits zu Anfang seiner bisher fünfmonatigen Amtszeit hatte er von der Sprachregelung seines Vorgängers Franz Josef Jung (CDU) Abstand genommen, dass es sich bei der Afghanistan-Mission um einen «Stabilisierungseinsatz» handelt. Fortan war von «kriegsähnlichen Zuständen» die Rede. Nach dem schwarzen Karfreitag für die Bundeswehr mit drei Toten und acht Verletzten durch Kugeln und Sprengsätze der radikalislamischen Taliban ging Guttenberg noch einen Schritt weiter: Die Realität der Bundeswehr in Afghanistan könne man «umgangssprachlich als Krieg» bezeichnen.

Die Soldaten in Kundus, die am Ostersonntag Abschied von ihren Kameraden nahmen, die im blutigsten Gefecht der Bundeswehrgeschichte getötet worden waren, dürften das als späte Erkenntnis wahrgenommen haben. Viele von ihnen fühlen sich im Stich gelassen und haben das Gefühl, dass die Politik die Einsatzbedingungen bisher nicht ausreichend anerkannt hat. Sie sind frustriert, dass sie im Kampf mit den Taliban nicht die Mittel an die Hand bekommen, die sie für nötig halten, um den Einsatz zum Erfolg zu führen. Zu den immer wieder vorgebrachten Forderungen zählen mehr Kampftruppen, Kampfhubschrauber und - besonders heikel - eine Lockerung der Einsatzregeln für Luftunterstützung.

Der 34 Mann starke Fallschirmjägerzug, der am Karfreitag am Rande der Ortschaft Isa Khel im Unruhedistrikt Char Darah von den Taliban eingekesselt wurde, erhielt zwar Unterstützung aus der Luft. Zum Waffeneinsatz kam es aber nicht. Man habe darauf verzichtet, «da eine Gefährdung eigener Kräfte nicht ausgeschlossen werden konnte und eine Verzahnung der Taliban mit der Zivilbevölkerung bestand», begründete Generalinspekteur Volker Wieker die Entscheidung am Sonntag.

Die Verzahnung mit der Zivilbevölkerung gehört zur Strategie der Taliban. Angriffe auf die Bundeswehr finden in der Regel in der Nähe von Ortschaften statt. Oft postieren sich Schützen in Gehöften und missbrauchen Zivilpersonen zumindest indirekt als Schutzschilder. «Letztendlich können sie nie sicher sein, ob sie einen Taliban erwischen oder ob sie einen Zivilisten erwischen», sagt einer der in Kundus stationierten Soldaten.

Die Einsatzregeln für Lufteinsätze sollen seit dem Bombardement zweier Tanklaster ganz in der Nähe von Isa Khel, bei dem vor sieben Monaten 142 Menschen getötet oder verletzt wurden, noch strenger ausgelegt werden. «Seit den Tanklastzügen ist alles anders», sagt ein Soldat. Der Tiefflug von Kampfjets - im Militärjargon «Show of Force» genannt - wird von vielen Soldaten als unwirksam im Kampf gegen die Taliban angesehen. Die Aufständischen nähmen das gar nicht mehr ernst.

Kampfhubschrauber wurden im Gefecht von Isa Khel gar nicht eingesetzt. «So etwas wäre Gold wert», heißt es in Kundus. Die Bundeswehr hat keine einsatzfähigen Kampfhubschrauber, die nächsten für einen Kampfeinsatz geeigneten US-Helikopter sollen im mehr als 200 Kilometer entfernten Bagram stationiert gewesen sein. Die Verletzten und Toten wurden unter schwerstem Beschuss mit amerikanischen Sanitäts-Hubschraubern vom Typ Black Hawk geborgen. «Ein deutscher Hubschrauber wäre da wahrscheinlich nicht gelandet, weil die Einsatzregeln das wahrscheinlich nicht zulassen», heißt es in Kundus.

Offene Kritik an den Einsatzbedingungen für die Bundeswehr in Afghanistan übte auch der frühere Generalinspekteur Harald Kujat. «Unsere Soldaten sind dort nur in diese Lage geraten, weil sie wie so oft nicht mit den nötigen modernen Aufklärungssystemen ausgerüstet sind», sagte er der «Welt am Sonntag». Der Luftangriff vom September habe die Taliban zwar geschwächt. «Danach haben sie eine gewisse Zeit gebraucht, um sich in Szene zu setzen. Und genau das tun sie jetzt.»

Guttenberg wies die Kritik an der Aufklärungstechnik zurück. «Man sollte mit pauschalen Urteilen darüber, was fehlt, sehr zurückhaltend sein», sagte er. Die Bundeswehr habe Aufklärungsmittel vor Ort gehabt und diese auch eingesetzt. Allerdings versprach der Minister zu prüfen, ob Konsequenzen aus dem Gefecht gezogen werden müssten. «Es versteht sich, dass wir untersuchen werden, ob alles bestens gewährleistet war.»

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
05.04.2010 · 21:48 Uhr
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