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Analyse: Seit 30 Jahren im Visier der Ermittler

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München (dpa) - Im Rollstuhl wird John Demjanjuk endlich hereingerollt. Eine Stunde verspätet beginnt am Montag vor dem Landgericht München II der Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher.

Er soll als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor von März bis September 1943 bei der Ermordung von mindestens 27 900 Juden in den Gaskammern geholfen haben. Der 89-jährige gebürtige Ukrainer hat den Kopf weit zurückgelehnt, eine blaue Schirmmütze sitzt schief auf dem Kopf, die Augen hält er geschlossen - reglos lässt er zum Prozessauftakt das minutenlange Blitzlichtgewitter über sich ergehen.

Journalisten aus aller Welt, Angehörige von Opfern insbesondere aus den Niederlanden und Überlebende des Holocaust haben stundenlang auf diesen Augenblick gewartet. Es dürfte einer der letzten NS-Verbrecher-Prozesse weltweit sein. Experten zweifeln allerdings schon jetzt stark, ob die Beweise für eine Verurteilung reichen.

Verteidiger Ulrich Busch stellt gleich zu Beginn einen Antrag auf Befangenheit von Gericht und Staatsanwaltschaft. Deutsche SS-Männer seien in deutschen Prozessen mit Freispruch davongekommen, unter Berufung auf Befehlsnotstand. «Man fragt sich, wie kann es sein, dass Vorgesetzte und Befehlshaber unschuldig sind, der Untergebene aber schuldig?» Demjanjuk sei genauso Opfer wie die Nebenkläger, sagt er - und sorgt damit für massive Empörung unter den Opfervertretern.

Wegen der angeschlagenen Gesundheit des Angeklagten darf nur zwei Mal 90 Minuten verhandelt werden. Demjanjuk hält die ganze Zeit die Augen geschlossen, die blaue Decke rutscht von seinen Händen, gelegentlich geht sein Mund auf. Döst er, atmet er, flüstert er? Nach der Pause wird er sogar auf einer Trage hereingebracht, er könne nicht sitzen, heißt es. Der Prozess wird unterbrochen, er bekommt eine Schmerzspritze. Zwei Mediziner und eine psychiatrische Gutachterin bescheinigen ihm trotzdem erneut eingeschränkte Verhandlungsfähigkeit. Opfervertreter glauben, dass er Theater spielt. «Es ist ein absurdes Bühnenspiel», sagt Nebenkläger Paul Hellmann.

Aus aller Welt sind Besucher angereist. Der 84-jährige Noah Klieger aus Jerusalem, KZ-Überlebender und Journalist, hat schon den ersten Prozess gegen Demjanjuk in Israel verfolgt. «Es ist unwichtig, ob er einen Monat bekommt oder 15 Jahre. Wie viel er absitzt, ist unwichtig», sagt er. Wichtig sei eine Verurteilung. «Er war ganz klar dabei.» Demjanjuk ist der erste sowjetische Ex-Kriegsgefangene, der wegen möglicher Beteiligung am Holocaust vor einem deutschen Gericht steht.

Auch Angehörige und die wenigen Überlebenden der Vernichtungsmaschinerie hoffen nach 66 Jahren auf Wahrheit und Gerechtigkeit. «Ich suche nicht Rache wegen damals, ich will, dass er die Wahrheit sagt», betont der 82-jährige Sobibor-Überlebende Thomas Blatt; er hat Eltern und Bruder dort verloren. Er ist Nebenkläger wie rund 20 andere. Sollte Demjanjuk auch diesmal nicht verurteilt werden, sei das «ganz schlecht», meint Nebenkläger Robert Cohen, dessen Familie in Sobibor starb.

Demjanjuk war in der Sowjetunion 1940 zur Roten Armee eingezogen worden. 1942 geriet er in deutsche Gefangenschaft, in der Millionen starben. Der 22-Jährige meldete sich als Hilfswilliger, wurde im SS-Ausbildungslager Trawniki zum Wachmann geschult und in Sobibor und im KZ Flossenbürg eingesetzt. Nach dem Krieg lebte er zeitweise im oberbayerischen Feldafing, bis er 1952 als ehemaliger Kriegsgefangener in die USA ausreiste.

Schon seit 30 Jahren steht Demjanjuk immer wieder im Visier der Ermittler. 1988 wurde er in Israel als «Iwan der Schreckliche» von Treblinka wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 800 000 Juden zum Tode verurteilt und saß fünf Jahre in der Todeszelle. Doch dann stellte sich heraus: Er war offenbar doch nicht «Iwan der Schreckliche».

Auch der Sobibor-Verdacht besteht schon seit damals. Das Lager gehörte wie Treblinka zu den schlimmsten Anlagen der Nazis, errichtet allein zur Vernichtung von Menschen. Wer in Sobibor arbeitete - rund 25 SS-Leute und etwa 100 meist ukrainische Trawniki - hatte keine andere Aufgabe, als bei der Ermordung der aus verschiedenen Ländern verschleppten Männer, Frauen und Kinder zu helfen. Damit hat sich nach Auffassung der Anklage auch Demjanjuk schuldig gemacht. Augenzeugen gibt es aber nicht: Keiner der Lager-Überlebenden kann sich konkret an ihn erinnern.    

Die beiden Staatsanwälte Thomas Steinkraus-Koch und Hans-Joachim Lutz haben sich also viel vorgenommen. Hauptbeweismittel sind der SS-Dienstausweis Nr. 1393 und eine Verlegungsliste von März 1943, nach der Demjanjuk nach Sobibor geschickt wurde. Demjanjuks Anwälte zweifeln die Echtheit des Dokuments weiter an. Der Ausweis war schon in Israel bekannt, doch reichte das offenbar damals den Anklägern nicht aus.

Prozesse / Nationalsozialismus
30.11.2009 · 22:47 Uhr
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