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Analyse: Schluss mit Friede, Freude, Eierkuchen

Love ParadeGroßansicht

Berlin (dpa) - Dr. Motte, der Erfinder der Loveparade, bringt es auf den Punkt. «Es ist vielleicht besser so», sagt er, nachdem der jetzige Veranstalter das Aus für die Technoparty verkündet hat. Das Unglück von Duisburg ist das Ende einer Ära.

Trillerpfeife, Sonnenblume im Haar, Bauarbeiterweste am durchtrainierten Leib, dazu wummernde Bässe, Ecstasy-Pillen und das Gefühl von «Friede, Freude, Eierkuchen» im Bauch - vorbei.

Techno-Pionier Sven Väth ist traurig, dass die Parade, «die einst als friedliche Demonstration für Musik, Club- und Partykultur weit über unsere Grenzen hinaus bejubelt wurde, nun durch solch eine grobe Fahrlässigkeit ein derart dramatisches und fragwürdiges Ende findet». Musikerin Inga Humpe war nach der Katastrophe zum Weinen zumute. «Diese Tragödie macht mich sprachlos», so die Loveparade-Veteranin.

Als 1989 alles anfing - es war des Jahr des Mauerfalls und der Kanzler hieß noch Helmut Kohl - tanzten 150 Leute im Nieselregen mit drei Wägelchen über den Kurfürstendamm. Mit «fünf Stunden Gänsehaut», wie sich Dr. Motte später erinnert. Die Party passte zum Zeitgeist der 90er, der sorgloser war als heute. Aus der Minikarawane wurde ein Millionenspektakel, das oft als Symbol für eine politisch nur mäßig interessierte «Spaßgeneration» herhielt. 1999 kamen 1,5 Millionen Besucher - der Rekord für Berlin.

Die Love Parade (so schrieb sie sich früher) war lange Jahre eine erstaunlich friedliche Party. Der Tiergarten bot viel Platz zum Feiern. Die Bilder der tanzenden Massen an der Siegessäule gingen um die Welt. Ähnlich wie bei der Fußball-WM waren sie im Ausland ein Stück Imagepflege für die vermeintlich verkniffenen Deutschen. Schlagzeilen machten pinkelnde Raver, die Müllberge im Park oder die kilometerweit zu spürenden Basswellen, die Vögel vertrieben. Eine Massenpanik? So etwas gab es nie.

Alles hat seine Zeit. 2001 verlor die Parade ihren Status einer politischen Demonstration. 2004 und 2005 fiel sie wegen fehlender Sponsoren aus. 2006 stieg sie zum letzten Mal im Tiergarten. Heute laufen in den Berliner Clubs Elektro und Techno, die nicht ganz so platt daherkommen. Die DJ-Größen von einst wie Westbam und Marusha sind noch aktiv. Paul van Dyk trat bei den Feiern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls auf.

Dr. Motte stieg 2006 aus, weil er fand, dass die Loveparade, die zuletzt von einem Fitnessketten-Betreiber veranstaltet wurde, eine «Dauerwerbesendung» geworden war. Dass die Technoparty im Ruhrgebiet ein noch größeres Millionenpublikum anlockte, war für die Berliner weit weg. Für sie ist der Christopher Street Day, die Parade der Schwulen und Lesben, ein Party-Asyl - wobei auch dem CSD wachsender Kommerz angekreidet wird.

Dr. Motte kann verstehen, wenn vielen nach der tödlichen Massenpanik die Lust auf Riesenkonzerte und Massenaufläufe vergeht. Vergleichbar ist es vielleicht mit dem dänischen Roskilde. Dort liegt zehn Jahre nach einem Unglück mit neun Toten noch ein langer Schatten über dem Festival.

Pearl Jam, bei deren Konzert die jungen Männer zu Tode gedrückt wurden, wirft den Veranstaltern Flucht vor der Verantwortung und einem klaren Schuldeingeständnis vor. Die Sicherheit vor den Bühnen ist heute massiv verstärkt, das Publikum mit wilden Aktivitäten wie Crowd-Surfen über den Köpfen anderer deutlich vorsichtiger geworden.

Blog von Dr. Motte

Gesellschaft / Loveparade
27.07.2010 · 13:09 Uhr
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