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Analyse: «Schicksalswahl» im Iran

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Teheran (dpa) - Für oder gegen Ahmadinedschad? - Die Zuspitzung auf die Person des umstrittenen iranischen Amtsinhabers trieb bei der Präsidentenwahl am Freitag in Teheran und anderen großen Städten des Irans die Wähler in Scharen an die Urnen.

«So etwas habe ich in den vergangenen 30 Jahren nicht erlebt. Meine Finger sind schon wund!» berichtete ein altgedienter Wahlhelfer in einer Moschee in Teheran. «Wir hatten nicht mal eine Minute Zeit, um ein Glas Tee zu trinken geschweige denn Mittag zu essen».

In den meisten Wahllokalen waren nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA schon zur Mittagszeit die Stimmzettel ausgegangen. «Solch ein Andrang hat auch das Innenministerium nicht erwartet», meinte der Leiter eines Wahllokals. Das Ministerium hatte schon vor dem Urnengang eine hohe Wahlbeteiligung wie seit Jahren nicht mehr vorausgesagt. Am Freitagmittag rechnete es damit, dass 70 Prozent der mehr als 46 Millionen Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben würden.

«Wir wissen zwar nicht, was wir wollen, aber sehr genau, was wir nicht wollen und das ist der jetzige Präsident», sagt eine Gegnerin von Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad, die in einem Teheraner Wahllokal wartete, bis ihr Mann endlich seine Stimme abgeben konnte. Dagegen meinte ein Präsidenten-Anhänger: «Was man hier sieht (der Andrang in den Wahllokalen) ist ein weiterer Erfolg des großen Mannes (Ahmadinedschad)».

Beide Lager - das des stockkonservativen Amtsinhabers und das seines größten Herausforderers, Ex-Regierungschef Mir Hussein Mussawi, - reklamierten für sich, die hohe Wahlbeteiligung werde ihnen nützen. Beobachter, die noch vor kurzem von einem erneuten Siegs Ahmadinedschads ausgegangen waren, meinten nun weitgehend übereinstimmend, dass es gerade Mussawi gelang, in der letzten Woche des Wahlkampfs vor allem junge Menschen für sich zu mobilisieren.

«Die Debatte zwischen den Kandidaten hat das Volk mitgerissen», sagte Anoush Ehteshami, Iran-Experte von der britischen Universität Durham der Deutschen Presse-Agentur dpa. So war eine Fernsehdebatte zwischen den Hauptkontrahenten nach offiziellen Angaben von Millionen Menschen verfolgt worden. Und Anhänger beider Seiten waren in Demonstrationszügen durch die Städte gezogen - die reformorientierten Kräfte Mussawis in Grün, der Farbe des Islams.

Auch am Wahltag schien Grün in den Straßen Teherans die beherrschende Farbe. «Für niemanden, nur gegen Ahmadinedschad», antwortete ein junger Mann auf Reporterfragen nach seiner Wahlentscheidung. Doch auch die jüngeren Anhänger Ahmadinedschads verteidigten noch im Wahllokal «ihren Präsidenten» vehement: «Er ist dem arroganten Westen gegenübergetreten und hat uns unseren Stolz zurückgegeben. Unter Mussawi würde es Kompromisse geben, und wir würden unseren Stolz wieder verlieren».

Wahlen / Iran
12.06.2009 · 22:14 Uhr
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