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Analyse: Sarrazins Thesen und die Fakten

Eingebürgert: Eine Frau mit einer Einbürgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland im Rathaus Berlin-Neukölln. (Archivfoto).Großansicht

Berlin (dpa) - Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin löst mit vielen seiner Thesen Widerspruch und scharfe Kritik aus. Seine Kritiker werfen ihm Rassismus und die Nähe zu rechtsextremen Positionen vor. dpa dokumentiert und analysiert Kernthesen des früheren Berliner Finanzsenators.

THESE GEBURTENRATE: Etwa sechs Millionen Menschen türkischer, arabischer, bosnischer und afrikanischer Herkunft leben in Deutschland. Bleibe die Geburtenrate dieser Gruppe von Einwanderern (Sarrazin nennt sie «muslimische Migranten») dauerhaft höher als die der deutschstämmigen Bevölkerung, würden Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen.

ANALYSE: Rein statistisch und auf einen sehr langen Zeitraum berechnet ist das richtig, obwohl der Anteil der genannten Gruppe nur 7,5 Prozent beträgt. Allerdings sind Modellrechnungen wie die von Sarrazin über einen Zeitraum von drei Generationen beziehungsweise 90 Jahren sehr spekulativ, was er selbst auch schreibt. Wenn Einwandererfamilien gut integriert sind und ein bestimmtes Einkommen erreicht haben, passen sich auch ihre Geburtenraten dem niedrigen Stand deutschstämmiger Mütter an. Für Teile von Großstädten wie Berlin ist Sarrazins These allerdings beinahe Realität. Im Berliner Bezirk Mitte - mit 323 000 Einwohnern immerhin fast so groß wie Bielefeld - haben 44,5 Prozent (Stand Ende 2007) der Bevölkerung einen sogenannten Migrationsstatus. Bei den 6- bis 15-Jährigen liegt die Quote bei 72 Prozent.

THESE HARTZ IV: Nur 33,9 Prozent der muslimischen Migranten in Deutschland leben laut Sarrazin überwiegend von Berufs- und Erwerbstätigkeit, bei der Bevölkerung ohne ausländische Wurzeln seien es 43 Prozent. Relativ zur Erwerbsbevölkerung bezögen bei dieser Gruppe vier Mal so viele Menschen Arbeitslosengeld I oder II wie bei der deutschen Bevölkerung.

ANALYSE: Sarrazin zitiert zutreffend Zahlen aus dem Mikrozensus, einer umfassenden Datensammlung des Statistischen Bundesamts, und errechnet daraus Erwerbsquote und Transferrelation. Zum Teil fällt dabei zwar ins Gewicht, dass die Einwanderer-Familien größer sind als in der einheimischen Bevölkerung, in der Tendenz aber ist die Aussage gedeckt. Nicht erwähnt wird jedoch, dass nach dieser Formel auch einige nicht-muslimische Einwanderer-Gruppen kaum besser oder auch schlechter abschneiden, etwa die mit Wurzeln in Süd- und Südostasien oder in der Ukraine.

THESE KULTURELLE IDENTITÄT: Muslimische Migranten, also Menschen aus der Türkei, Ex-Jugoslawien und den arabischen Ländern, bildeten den Kern des Integrationsproblems. Es gebe keinen erkennbaren Grund, warum sie es schwerer haben sollten als Einwanderer aus Asien oder Spätaussiedler, die sich schnell integrierten. Schuld seien islamisch geprägte kulturelle Einstellungen.

ANALYSE: Weitgehend unstrittig ist, dass Sprachkenntnisse, Schulabschlüsse und der Anteil am Arbeitsmarkt bei diesen Gruppen unterdurchschnittlich sind. Als wichtigsten Grund dafür nennt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor in der «Süddeutschen Zeitung» (Samstag) die besonders hohe Zahl türkisch- oder arabischstämmiger Einwanderer. Sie ermögliche es, Parallelgesellschaften zu bilden, in denen die Menschen sich einrichten, ohne sich zu integrieren. Wohnen dagegen Deutsch-Türken als kleine Minderheit in Stadtteilen, integrieren sie sich schnell.

Migration / Integration / SPD / Bundesbank
02.09.2010 · 22:53 Uhr
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