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Analyse: Russischen Künstlerinnen droht Gefängnis

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Moskau (dpa) - Zu neuem Protest gegen Kremlchef Wladimir Putin und den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill nutzt die Punkband Pussy Riot ihre Schlussworte im umstrittenen Moskauer Prozess.

Das Punkgebet «Mutter Gottes (...) vertreibe Putin!» am 21. Februar in der Erlöserkathedrale habe dem politischen Frust vieler Russen Luft machen sollen, sagt die Angeklagte Nadeschda Tolokonnikowa. Es sind ihre letzten Worte vor dem Urteil, das Strafrichterin Marina Syrowa im Chamowniki-Gericht heute sprechen will.

Staatsanwalt Alexander Nikiforow sieht die Anklage wegen Rowdytums aus religiösem Hass als erwiesen an. Drei Jahre Gefängnis beantragt er für die «Verletzung religiöser Gefühle» an einem heiligen Ort. Und er weist zurück, dass es hier um Politik gehe. Die 22-jährige Tolokonnikowa und ihre Mitangeklagten Maria Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (29) reagieren in ihrem Kasten aus Plexiglas mit verständnislosem Kopfschütteln und schwerem Lächeln.

Als «völligen Schwachsinn» prangert Verteidigerin Violetta Wolkowa die Anklage und das beantragte Strafmaß an. Sie betont ebenso wie ihre Kollegen Mark Fejgin und Nikolai Polosow, dass das russische Strafrecht keinen Paragrafen enthalte, um die Frauen zu bestrafen. Bei der schrillen Kritik der Künstlerinnen an Putin habe es sich um freie Meinungsäußerung gehandelt.

Die erst im September gegründete politische Band sei mit ihrem Punk stets friedlich aufgetreten. Auch die Mitglieder von Pussy Riot beteuern erneut, dass sie gewaltfrei gegen Missstände wie Korruption und Machtmissbrauch protestieren. Doch die Anwälte der Nebenkläger, die die Gläubigen vertreten, zeichnen in ihren Plädoyers ein Bild von Gewalttätern, vor denen die Gesellschaft geschützt werden müsse.

Die Frauen hätten Millionen russisch-orthodoxer Christen «maximalen Schaden» zufügen wollen, Gotteslästerung betrieben und Präsident Putin beleidigt, schimpft die Nebenklägerin Larissa Pawlowa. Auch ihre Kollegen betonen, dass der «wilde Veitstanz» der Frauen mit den grellen Sturmmasken vor den heiligen Ikonen den Gläubigen «Tränen des Schmerzes» in die Augen getrieben habe.

Es sind aber vor allem die Musikerinnen und ihrer Verteidiger, die Beifall erhalten im Finale eines Prozesses, den Menschenrechtler und Künstler weltweit, aber auch viele russische Anwälte und Intellektuelle als beispiellosen Justizskandal anprangern. Auch Popstar Madonna, die in Moskau und St. Petersburg diese Woche Konzerte gibt, fordert am Dienstag «Freiheit für Pussy Riot».

Doch die vielen internationalen Appelle, Prozesse nicht zur Einschüchterung der Opposition zu missbrauchen, prallen an Russland ab. In der Kritik steht nicht zuletzt der Stil der Richterin Syrowa, die in einer Woche einen Fall mit sieben Aktenordnern, 3000 Seiten und vielen beschlagnahmten Computerdateien durchgepeitscht hat.

«90 Tage mindestens dauert es, um diese Menge an Material durchzuarbeiten», betont Verteidigerin Wolkowa. Sie wirft Richterin Syrowa vor, den Angeklagten in Sitzungen von oft bis zu zwölf Stunden kaum Pausen und keine warme Mahlzeit zu gönnen. Außerdem habe das Gericht nur 3 von 17 Entlassungszeugen zugelassen.

Die Anwälte von Pussy Riot kündigen wegen des «erniedrigenden» Verfahrens eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte an. Gleichwohl äußern Menschenrechtler die Hoffnung, dass das Gericht nach einem Appell Putins, «nicht so hart zu urteilen», doch noch zu einem anderen Schluss kommen könnte.

Bürgerrechtlerin Tatjana Lokschina von der Organisation Human Rights Watch in Moskau meint aber, dass die nun beantragten drei Jahre Haft für Pussy Riot vielleicht schon die «mildere Strafe» sei. Auf Rowdytum stünden bis zu sieben Jahre Straflager. Immerhin fordern zwei der neun Nebenkläger eine Bewährungsstrafe für Pussy Riot.

Justiz / Menschenrechte / Russland
08.08.2012 · 08:56 Uhr
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