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Analyse: Rücktritt berührt politischen Protestantismus

Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München betonte Horst Köhler die Bedeutung der Christen für die Gestaltung einer solidarischen Welt.Großansicht
Hamburg (dpa) - Der Rücktritt Horst Köhlers berührt auch den politischen Protestantismus in Deutschland. Von neun Bundespräsidenten seit 1949 waren acht evangelisch (außer dem sauerländischen Katholiken Heinrich Lübke).

Die staatstragende Rolle verantwortungsbewusster Protestanten zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsche Nachkriegsgeschichte. Zu den das Amt besonders prägenden Christen gehörten Gustav Heinemann, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog und Köhlers direkter Vorgänger Johannes Rau, der wegen seiner Bibelfestigkeit auch den Spitznamen «Bruder Johannes» hatte.

Die nach seiner Ansicht besondere Bedeutung der Christen für die Gestaltung einer solidarischen und gerechten Welt machte Köhler jüngst noch am 12. Mai bei der Eröffnung des Ökumenischen Kirchentages in München deutlich. In fast predigthaften Worten lobte das Staatsoberhaupt, «wie viel Gutes wir durch die Gemeinschaft und durch den Glauben erlebt haben - und wie viel Gutes durch gläubige Menschen getan wird». Köhler sprach von der Vermittlung von Werten wie Gemeinschaft und Solidarität und dass sich Christen nicht «beirren lassen durch einen Zeitgeist des Egoismus», sondern tatkräftige Solidarität zeigten - «das braucht unsere Gesellschaft».

Damit nannte Köhler indirekt auch das ethische Fundament, auf dem der bekennende Protestant seine Amtsführung als Bundespräsident gründete. Schon beim ersten Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. im August 2005 hatte Köhler die karitative und diakonische Arbeit der Kirchen gelobt; dies sei «weit mehr als ein gesellschaftliches Reparaturunternehmen». In diesem Engagement werde «immer auch eine politische Aufforderung» sichtbar: «Nämlich die Schwachen, die Kranken, die Sterbenden, die Wettbewerbsverlierer nicht aus den Augen zu verlieren.» Aus dieser Haltung heraus lassen sich auch kritische Äußerungen Köhlers über das Monster Turbokapitalismus erklären.

Protestantische Bundespräsidenten haben immer wieder Kirchentage als Forum genutzt, um christliche Wertvorstellungen unters Volk zu bringen. Christen als Avantgarde für eine bessere Gesellschaft, der christliche Glaube als Orientierungsmarke. Seit Martin Luthers Zeiten spielt Staatsverantwortung im Protestantismus eine besondere, eine traditionelle Rolle. Hinzu kommt die Erkenntnis, die der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichts, Ernst-Wolfgang Böckenförde, formulierte: «Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.»

Als «protestantische Bürgerbewegung» und «evangelische Zeitansage» versteht sich der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Deutsche Evangelische Kirchentag. Richard von Weizsäcker hat als Kirchentagspräsident in den 1960er Jahren und Anfang der 1980er Jahre mehrere dieser alle zwei Jahre stattfindenden Treffen geleitet, lange bevor er Bundespräsident werden sollte.

Köhler hat in seinem Berufsleben sein Geld nie als Politiker verdient. So fiel seine Kritik am Zustand der Parteien bei der Bevölkerung auf Zustimmung, wie Umfragen zeigten. Argumentative Rückendeckung erhielt Köhler jüngst indirekt durch den Philosophen Jürgen Habermas. In einem Beitrag für die Wochenzeitung «Die Zeit» kritisierte er die deutschen Politiker. Es handle sich um eine «normativ abgerüstete Generation» ohne politische Visionen mehr und einem kurzatmigen Umgang mit den von Tag zu Tag auftauchenden Problemen. Habermas schrieb von «schlappen politischen Eliten, die lieber "Bild"-Schlagzeilen folgen».

Dagegen stand Köhler wie andere protestantische Bundespräsidenten mit hohem Wertanspruch und großen politischen Zielen: Eine solidarische Gesellschaft, eine gerechtere Welt, die auch der so genannten Dritten Welt Chancen auf dem Weltmarkt einräumt. Diese im Christentum ethisch-moralisch grundierten politischen Ziele wollte Köhler befördern, wie er in vielen Reden deutlich machte. Ob Union und FDP sich erneut auf einen parteipolitisch unbequemen protestantischen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten einigen werden, ist offen.

Bundespräsident / Kirchen
01.06.2010 · 22:50 Uhr
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