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Analyse: Rot-Grün freut sich über Coup mit Gauck

Gauck soll Bundespräsident werdenGroßansicht
Berlin (dpa) - Viele Illusionen macht sich der Herausforderer angesichts der eigentlich klaren Mehrheitsverhältnisse nicht: «Ich bin Realist, ich kann auch zählen», schätzt Joachim Gauck seine Chancen ein, in knapp vier Wochen das höchste Staatsamt zu erobern.

Doch wie es sich für einen ehemaligen Pfarrer gehört, geht der 70- Jährige nicht ganz ohne Hoffnung in das Rennen gegen Christian Wulff. «Ich habe in meinem Leben immer wieder erlebt, dass etwas Unerwartetes passieren kann.» Fröhlich und gelassen werde er deshalb in die Wahlentscheidung gehen: «Und ich werde dastehen und mich freuen.» Einen für den 30. Juni in Den Haag geplanten Vortrag hat er jedenfalls bereits abgesagt.

Flankiert von den SPD- und Grünen-Spitzen schüttelt der wortmächtige Theologe aus Rostock geschliffene Formulierungen aus dem Ärmel, um zu erklären, warum er sich zur Verfügung stellt. «Ich möchte die Distanz zwischen Regierenden und Regierten überbrücken», lautet ein solcher Merksatz. «Dieser Staat ist nicht nur der Staat derjenigen, die Staat machen», ein anderer.

Er habe in zwei Diktaturen gelebt und empfinde jetzt vor allem große Dankbarkeit für die Freiheit, die er erleben könne, erzählt der Mecklenburger. Entscheidend geprägt habe ihn die DDR- Demokratiebewegung, «wo sich Menschen auf einmal ihres Bürgersinns bewusst wurden». Und wo die Bevölkerung auf einmal gemerkt habe, dass Angst kein Ratgeber sein dürfe. Gerade in der derzeitigen Krise und der tiefen Verunsicherung brauchten die Deutschen wieder solche Ermutigungen - aber nicht von den etablierten Berufspolitikern. Dafür wolle er in den nächsten Wochen werben.

Dass er mit seiner Kandidatur auch die Kanzlerin in einige Verlegenheit gestürzt hat, ist Gauck klar. «Wir mögen uns, aber wir sagen Sie zueinander», beschreibt er das Verhältnis zur seiner ostdeutschen Landsfrau, deren Wege sich in der Wendezeit kreuzten. Angela Merkel habe ihm am Donnerstagabend am Telefon erklärt, dass sie Gauck schätze, aber Wulff als Kandidaten vorschlagen werde, berichtet Sigmar Gabriel knapp. Von einem «Freiheitsdenker, Versöhner, Einheitsstifter und Demokratielehrer» spricht der SPD- Vorsitzende. Er verrät aber gleich, dass er sich die Elogen nicht selbst ausgedacht habe. Sie stammten von Merkel höchstpersönlich - nämlich aus ihrer Rede zum 70. Geburtstag Gaucks im Januar.

Genau jemand mit solchen Eigenschaften brauche das Land jetzt, zeigt sich SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier stolz über das Ja des bekennenden «linken, liberalen Konservativen» zu dem rot- grünen Angebot. Er wäre «ein idealer Bundespräsident», ist auch Grünen-Chef Cem Özdemir überzeugt. Dass man mit der Kandidatur des unabhängigen Kopfs auch ein Risiko eingehe, ist zumindest für Grünen- Fraktionschef Jürgen Trittin nach einigen zurückliegenden Erfahrungen klar.

Noch keine richtigen Gedanken hat sich Gauck darüber gemacht, wie er den inoffiziellen Wahlkampf gegen Wulff bestreiten will. Derzeit hat er nicht einmal eine Sekretärin. Natürlich sei er bereit, sich auch bei Delegierten von Union und FDP vorzustellen. Dass die Unionsspitze darauf eingeht, ist eher zweifelhaft, - obwohl aus der CSU vor Jahren bei Gauck schon einmal angefragt wurde, ob er nicht gegen den Sozialdemokraten Johannes Rau für das Staatsamt kandidieren wolle.

Das rot-grüne Unterstützerlager ist sich aber sicher, dass nicht nur der eine oder andere Ostdeutsche bei der geheimen Wahl in der Kabine «seinem Herzen folgen wird». Gauck selbst sieht auch keine Berührungsverbote zur Linkspartei, die allerdings sofort zu dem einstigen Stasi-Aufklärer auf Distanz ging. Für die Ablehnung gebe es kein «rationales Argument», warb Gabriel bei den Linken darum, sich die Sache mit dem eigenen Bewerber noch einmal zu überlegen. Und die Grünen-Spitze blickt schon weiter voraus. Spätestens im Fall eines dritten Wahlgangs, bei dem die einfache Mehrheit für die Kür ausreicht, stehe die Linke vor der Alternative: Wulff oder Gauck.

Bundespräsident / Parteien
04.06.2010 · 14:49 Uhr
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