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Analyse: «Reue und Schande»

Papst BenediktGroßansicht
Rom (dpa) - Frühlingsanfang auf dem Petersplatz, die Touristen aus aller Welt strömen zum Dom der Dome.

Nur einen Steinwurf entfernt muss Federico Lombardi, Sprachrohr des Papstes, derweil ein düsteres Kapitel aufschlagen: Benedikt macht den lange schon angekündigten Hirtenbrief an Irlands Katholiken endlich publik. Nach dem abscheulichen und tausendfachen sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen der grünen Insel geht der Oberhirte in deutlichen Worten mit seinen schwarzen Schafen ins Gericht. Er kanzelt die Täter ab und auch jene Bischöfe, die jahrelang allein mit dem Vertuschen beschäftigt waren. Schönheitsfehler des päpstlichen Briefes: nicht ein Wort zu den deutschen Missbrauchsfällen.

Wie sehr den Pontifex erzürnt, was sich hinter Kirchenmauern zugetragen hat, spricht aus fast jeder Zeile des Hirtenbriefes. Er prangert die «Schwere der Vergehen und die oftmals unangemessene Reaktion der kirchlichen Autoritäten» an. Er geißelt die Untaten jener Priester und Ordensleute, die das Vertrauen verraten haben, «das von unschuldigen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde». Und er geht auf die Opfer und ihre Familien zu: «Ihr habt viel gelitten, und ich bedauere das aufrichtig. Ich weiß, dass nichts das Erlittene ungeschehen machen kann.» Also drückt Benedikt im Namen der Kirche «die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen.»

«I'm truly sorry.» Ob Benedikt damit um Entschuldigung bittet, bleibt der Lesart überlassen. Deutlich wird allerdings, dass der erboste Heilige Vater mit seiner Breitseite auf Bischöfe, die schwere Fehler gemacht - also die Fälle lange vertuscht haben - jede Verantwortung der irischen Kirche aufgebürdet hat. Der Vatikan hatte vehement auf den Vorwurf geantwortet, es gebe in der Kirche «Geheimanweisungen», um Missbrauchsfälle zu verschweigen. Die Pflicht, mit staatlichen Ermittlern zusammenzuarbeiten, leite sich bereits aus den Grundsätzen des Kirchenrechts ab, hielt Charles J. Scicluna von der Glaubenskongregation dagegen. Auch Benedikt sagt klar: «Erkennt Eure Schuld öffentlich an, unterwerft Euch der Rechtsprechung,...».

Das Oberhaupt von knapp 1,2 Milliarden Gläubigen müsse und könne sich nicht jeden Tag zu allem äußern - so der Vatikan. Benedikts harte Haltung zum Missbrauch ist bekannt, und er dürfte wohl später auch zu seinem Heimatland Stellung nehmen. So kann Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, in dem Papstbrief an die Iren auch «eine Botschaft an uns in Deutschland» sehen. Den Iren gilt der Hirtenbrief vor allem, weil der Skandal dort eine andere Dimension hat und zwei Untersuchungsberichte ein schlimmes Fazit brachten - Deutschland steckt da noch mittendrin.

«Wir müssen das verstörende Problem zu verstehen versuchen, das nicht wenig zur Schwächung des Glaubens und dem Verlust des Respekts vor der Kirche und ihren Lehren beigetragen hat.» Die Gründe für die Krise sieht der Papst in der unzureichenden Auswahl und Ausbildung der Priester und Ordensleute. Und in einer «fehlgeleiteten Sorge» um den Ruf der Kirche durch die, die Skandale unter den Teppich kehrten. Jetzt seien Durchhaltevermögen und Gebete nötig, auf der Insel wie anderswo. Denn: «Es ist wahr, dass das Problem des Missbrauchs weder ein rein irisches noch ein rein kirchliches ist.» Und dennoch wird sich gerade auch der Vatikan noch den Kopf zerbrechen müssen, was Rom zu tun hat.

Eigentlich will sich Joseph Ratzinger jetzt auf das Osterfest zur Auferstehung Christi einstimmen. Am Freitagabend brachte ihm ein privates Konzert des weltbekannten Henschel-Quartetts im Apostolischen Palast zu seinem Namenstag ein bisschen Zerstreuung. Doch der Samstag hatte es wieder in sich. Da war zum einen der bitter notwendige Hirtenbrief zu einem der dunkelsten Kapitel in der jüngeren Geschichte seiner Kirche. Was auch noch unerledigt ist und sich zäh hinzieht: Am Tag des Frühlingsbeginns kamen nicht nur die Touristen in die Ewige Stadt, sondern auch Vertreter der abtrünnigen, erzkonservativen Pius-Brüder. Sie dürfen über eine Wiederannäherung an Rom verhandeln. Ein wahrhaft problembeladenes Wochenende am Tiber.

Kriminalität / Kirchen / Vatikan
21.03.2010 · 09:40 Uhr
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