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Analyse: Rätsel um Ostsee-Piraten

Dmitri RogosinGroßansicht
Moskau (dpa) - Acht Ostsee-Piraten, die den finnischen Frachter «Arctic Sea» schon vor drei Wochen in der Manier afrikanischer Seeräuber vor Schweden gekapert haben sollen, sind angeblich gefasst.

Glaubt man dem russischen Militär, haben Russen, Letten und Esten am 24. Juli gegen 21.00 MESZ mit einem Schlauchboot den Holz-Frachter in ihre Gewalt gebracht. Sie sollen auch Lösegeld erpresst haben. Russland bestätigte nun überraschend die umstrittene These von einem Seeräuber-Überfall in der Ostsee. Doch hielt sich der Kreml auch nach der Befreiung der 15 russischen Seeleute zurück, das Geheimnis um das lange Verschwinden der «Arctic Sea» vollends zu lüften.

«Das war eine Kaperung durch Piraten», sagte Moskaus Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew. Schüsse seien nicht gefallen, als die russische Schwarzmeerflotte am Montag die «Arctic Sea» samt der Seeleute aus den Fängen der Piraten befreit hätte. Wie genau aber die Operation des russischen Militärs ablief, darüber wurde nichts bekannt. Auch die Frage, wie die Seeräuber an Bord gekommen sein sollen, bleibt unbeantwortet. Laut Serdjukow hatten sie vorgetäuscht, in Seenot zu sein. Wie bekamen sie aber die Waffen an Bord?

Vor allem die Angehörigen der Seeleute reagierten verbittert, weil sie keinen Handy-Kontakt hatten zu ihren Verwandten. Der russische Geheimdienst kontrolliert die Ermittlungen, und er steuert den Informationsfluss. «Alle Kontaktdaten meines Mannes sind in den Händen der Geheimdienste. Ich weiß bisher nur aus den Nachrichten von der Befreiung», sagte Jelena Sarezkaja, die Ehefrau des «Arctic Sea»- Kapitäns Sergej Sarezki. «Ich weiß, mein Sohn würde sofort anrufen, wenn er die Möglichkeit hätte», sagte mit tränenerstickter Stimme Natalia Fasylowa, Mutter des 23 Jahre alten Dmitri Fasylow.

Verteidigungsminister Serdjukow hatte am Vortag lediglich mitgeteilt, dass alle Crew-Mitglieder gesund seien. Der Fall, der nach Einschätzung der EU-Kommission Stoff für einen Hollywood-Film abgeben könnte, wirft weiter viele Fragen auf. Medwedew hat zumindest angekündigt, die Öffentlichkeit über die Geschehnisse an Bord zu informieren.

Vermutlich könnte die Besatzung seit Ende Juli in der Gewalt der Entführer gewesen, auch wenn es dazu immer wieder widersprüchliche Angaben gegeben hat. Russlands NATO-Botschafter Dmitri Rogosin erklärte, dass absichtlich falsche Informationen gestreut worden seien, um die Rettung nicht zu gefährden. Laut Serdjukow schalteten die Piraten alle Geräte ab, die eine Ortung des Schiffs oder Funkkontakt ermöglicht hätten.

Die Reederei und die russische Seefahrergewerkschaft forderten, dass die Seeleute nach dem Stress der Geiselnahme so rasch wie möglich aus der Kontrolle des Geheimdienstes entlassen werden müssten. Sie bräuchten nun dringend psychologische Betreuung und die Nähe zu ihren Verwandten. Kapitän Saretzki hatte Medien zufolge über Handy Fotos seiner verletzten Männer absetzen können.

Erstmals bestätigte nun auch das Versicherungsunternehmen des Frachters offiziell Lösegeldforderungen. Die Seeräuber hätten eine Million Euro verlangt und gedroht, andernfalls die Besatzung zu erschießen und das Schiff zu versenken, teilte das Unternehmen Renaissance Insurance in Moskau mit.

Dem Vernehmen nach ist das knapp 100 Meter lange Schiff mit der angeblich gute eine Million Euro teuren Holzfracht in der Kontrolle der russischen Schwarzmeerflotte. Wahrscheinlich liegt die «Arctic Sea», die kaum noch Treibstoff haben dürfte und beschädigt sein soll, weiter rund 300 Seemeilen (550 Kilometer) vor dem westafrikanischen Inselstaat Kap Verde.

Im russischen Archangelsk ließ die finnische Reederei Solchart Management Ltd. jedenfalls am Dienstag schon einmal eine neue Mannschaft für die Steuerung der «Arctic Sea» rekrutieren. Es sei zwar nicht genau klar, in welchen Hafen die russische Flotte den Frachter ziehe, sagte der Vizechef der Solchart-Niederlassung in Archangelsk, Iwan Bojko. Klar sei aber, dass der Holzfrachter doch noch an seinem Bestimmungsort Algerien ankommen soll, wo er seit dem 4. August erwartet wird. An eine Gefahr durch Piraten in der Ostsee glaubte er nicht.

Schifffahrt / Piraten / Russland
18.08.2009 · 18:03 Uhr
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