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Analyse: Quotendebatte um «Wetten, dass..?»

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Düsseldorf (dpa) - Millionen freuten sich auf Take That und Teeniestar Justin Bieber. Doch der Abend bei «Wetten, dass..?» endete tragisch. Ein 23-Jähriger Wettkandidat liegt mit Lähmungserscheinungen im Koma. Die Quoten- Debatte um das Samstagabend-Flaggschiff des ZDF ist entbrannt.

Als besonders waghalsig kündigt Moderator Thomas Gottschalk die Wette an. Und prompt nimmt das Unglück seinen Lauf. Der 23-jährige Samuel Koch schlägt hart auf dem Studioboden auf, als er bei «Wetten, dass..?» per Salto über fünf ihm entgegenkommende Autos springen will. Ausgerechnet bei der Runde mit dem eigenen Vater am Steuer geht das Kunststück daneben. Er bleibt regungslos liegen. Pures Entsetzen bei Publikum, Show-Gästen und dem Moderatorenteam Gottschalk und Michelle Hunziker.

Zum ersten Mal in der beinahe 30-jährigen Geschichte von «Wetten, dass..?» brach das ZDF am Samstagabend die Live-Übertragung ab. War die Wette zu gefährlich? Ist der öffentlich-rechtliche Sender im harten Quotenrennen der Versuchung nach «höher, schneller, weiter» erlegen? Mit Dieter Bohlens «Das Supertalent» lief zeitgleich auf RTL die aktuell erfolgreichste Show im Privatfernsehen. Sie war bereits vor einem Monat im direkten Vergleich mit «Wetten, dass..?» dem Thron der Samstagabend-Unterhaltung sehr nahe gekommen.

Das ZDF kündigte Konsequenzen für die Auswahl künftiger Wetten an. «Klar ist natürlich, dass wir bei "Wetten, dass..?" nicht einfach zur Tagesordnung übergehen», sagte Programmdirektor Thomas Bellut. Es steht die Frage im Raum, wie lange Gottschalk (60) den Dauerbrenner moderieren wird.

So viel steht fest: Die 144. Ausgabe mit ihm als Moderator war auch für den Routinier ein Einschnitt. In einem Interview wollte die «Bild»-Zeitung (Montagausgabe) wissen, welche Konsequenzen er aus dem Unglück ziehe. Antwort: «Es geht in den nächsten Tagen nicht darum, sich mit meiner Situation zu beschäftigen, sondern mit der hoffentlich schnellen Genesung von Samuel.»

Nur die ganz großen Emotionen zählten, ruft Gottschalk vor der Show dem Publikum in der Düsseldorfer Rheinhalle zur Einstimmung zu. Die Zuschauer sollen die Arme hochreißen, wenn sie begeistert sind, und erschrocken dreinblicken, wenn eine Wette sie in den Bann zieht, erklärt der Entertainer. Gemütsregungen, die irgendwo zwischen den Extremen liegen, funktionierten nicht mehr in der Fernsehwelt. Gottschalk sagt das fast so, als sähe er das selbst kritisch.

Am Ende erfüllt blankes Entsetzen die Halle - kein bisschen gespielt. Samuel Koch wettet, mit Hilfe von Federbeinen, die er sich unter die Füße schnallt, über die Autos springen zu können. Bei einem Smart gelingt der Salto problemlos. Beim zweiten Wagen - einem schon etwas größeren Mini - bricht er den Versuch ab. Beim dritten Auto, einem Ford, klappt es wieder.

Dann nimmt der 23-Jährige erneut Anlauf mit seinen sogenannten Powerizern. Das Publikum feuert ihn klatschend an. Eine Kamera ist auf das angstvolle Gesicht der Mutter gerichtet. Dann das Unglück: Samuel Koch streift den Audi des Vaters, gerät ins Trudeln und stürzt mit einem dumpfen Schlag auf den Boden. Stille. «Wehgetan?», fragt Gottschalk nach einem kurzen Moment zaghaft. Geistesgegenwärtig ruft seine Assistentin Hunziker: «Sofort den Arzt!»

Die Verletzungen erwiesen sich am Sonntag als noch schlimmer als zunächst befürchtet. Von einer komplexen Verletzung an der Halswirbelsäule berichtete der ärztliche Direktor der Düsseldorfer Uniklinik, Wolfgang Raab. Koch sei einer Notoperation unterzogen und ins künstliche Koma versetzt worden. Von Lähmungserscheinungen war die Rede.

Minutenlang sahen 8,13 Millionen Fernsehzuschauer live die geschockten Mienen in der Messehalle, während um den mit Gesicht nach unten liegenden Verletzten ein schwarzes Tuch gespannt wurde. Mehrere Zuschauer waren so mitgenommen, dass sie einen Schwächeanfall erlitten. Viele hielten sich bestürzt die Hand vor den Mund - auch Model Sara Nuru. Als Wettpatin hatte sie gemeinsam mit Komiker Otto Waalkes getippt, dass Samuel Koch den Stunt schafft.

Gottschalk schien da Zweifel zu haben. «Ich habe vieles gesehen in meiner Laufbahn, so gefürchtet hab' ich mich noch nie, dass dem jungen Mann etwas passiert», hatte der 60-Jährige die Wette angekündigt. Der «Süddeutschen Zeitung» (Montag) sagte er: «Ich bin im Redaktionsteam dafür bekannt, dass ich aus den Wetten immer unnötigen Druck herausnehme.» Er halte nichts davon, eine «überzogene Dramatik» zu erzeugen.

Auch Samuel Koch zeigte sich vor der Show keineswegs siegesgewiss. Bei den Proben sei er mehrmals gestürzt, sagte er der «Badischen Zeitung». Das sei aber undramatisch gewesen, versuchte das ZDF am Tag danach Vorwürfen zuvorzukommen. Zweimal sei es dem Wettkandidaten in den Proben nicht gelungen, nach dem Sprung auf den Beinen zu landen, sagte der Mainzer ZDF-Sprecher Walter Kehr. Koch sei dabei auf den Hintern gefallen, habe sich aber nicht verletzt.

Dennoch drängt sich die Frage auf, ob sich so viel Action mit dem eigenen Anspruch der Unterhaltungsshow verträgt. Gottschalk hatte in der vergangenen Woche seinen Ehrgeiz bekräftigt, mit «Wetten, dass..?» die ganze Familie vor den Bildschirm locken zu können. Sein Alleinstellungsmerkmal sei es, «dass ein 16-jähriger Justin Bieber mit einem 82-Jährigen Hardy Krüger zusammenkommt».

Der kanadische Teenie-Schwarm Bieber und der Schauspieler standen auf der Gästeliste. Auch die mit Robbie Williams wiedervereinigte Band Take That, die beiden Hollywood-Schauspieler Cameron Diaz und Christoph Waltz, Sängerin Cher, Musiker Phil Collins und Mimin Alexandra Maria Lara sollten ihren Auftritt haben. Mit diesem Feuerwerk an Stars wollte «Wetten, dass..?» gegen die RTL- Supertalente antreten. Die Castingshow lockte letztlich 8,34 Millionen Zuschauer vor den Fernseher und überholte damit «Wetten, dass..?».

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ZDF-Mitteilung
Medien / Fernsehen
05.12.2010 · 21:22 Uhr
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