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Analyse: Preisträger zwischen Krieg und Frieden

Obama in West PointGroßansicht
Oslo (dpa) ­ Die norwegische Hauptstadt ist im Vergleich zu anderen Metropolen eher übersichtlich. Zwischen dem kolossalen Backsteintürmen des Osloer Rathauses, in dem Barack Obama gerade den Friedensnobelpreis entgegennimmt, und dem Grand Hotel sind es nur ein paar hundert Meter.

Dort, vom Hotelbalkon, zeigt sich der neue Preisträger später den jubelnden Bürgern, so will es die Tradition, von schusssicherem Panzerglas geschützt. Hier warten den ganzen Tag ein paar Dutzend Anhänger der Friedensbewegung im kalten Nieselregen. Sie haben kaum mitbekommen, was der US-Präsident, ihr Hoffnungsträger, in seiner Dankesrede im Rathaus gesagt hat. Sie werden enttäuscht sein.

Obama habe vor einem Dilemma gestanden, hatte es vor der feierlichen Preisverleihung am Donnerstag geheißen, hin- und hergerissen zwischen seiner Rolle als Friedenspreisträger und der als «Kriegspräsident», wie man ihn wegen des US-Engagements in Afghanistan genannt hat. Natürlich ist sich Barack Obama dieses Konflikts bewusst, spürt er, dass der Krieg in Afghanistan wie eine schwere Last auf diesem Tag in Oslo liegt. Gut eine Woche nach der Ankündigung, 30 000 neue Soldaten an den Hindukusch zu schicken, steht er hier als Friedensnobelpreisträger. Der Krieg in Afghanistan ist damit endgültig zum Krieg des Barack Obama geworden.

«Mit großer Dankbarkeit und tiefer Demut» beginnt Obama seine Rede im Rathaus. Monarchen und Ehrengäste sind festlich gestimmt. Es erklingt Musik von Edvard Grieg. Doch der Ehrengast im dunklen Anzug, mit grauer Krawatte, ist ein bisschen angestrengt und gar nicht locker. Und er kommt ziemlich brutal und schnell zum Thema, auch wenn das Wort Afghanistan lange nicht fällt. «Ich bin der Oberkommandierende einer Nation in zwei Kriegen», sagt er. Und er ist verantwortlich für die Entsendung tausender junger Amerikaner in ein fernes Land. «Einige werden töten, andere werden getötet.»

Mit erstaunlicher Konsequenz geht Obama dann in der Geschichte der Menschheit auf die Suche nach dem Beweis, dass Kriege unvermeidlich sind. Weder gebe es gerechte Kriege noch heilige Kriege. Aber die Antworten von gewaltlosen Friedenskämpfern wie Martin Luther King und Mahatma Gandhi reichten eben nicht aus. «Ich verstehe, dass Krieg nicht populär ist. Aber ich weiß auch: Der Glaube daran, dass Frieden wünschenswert ist, reicht nicht aus.»

Natürlich preist der Nobelpreisträger dann Menschenrechte, Abrüstung und wirtschaftliche Entwicklung. Aber es bleibt doch bei diesem Ton, den man von ihm ­ zumindest in Oslo ­ gar nicht erwarte hat: Obama zeigt sich als Realpolitiker und nicht als wolkiger Visionär, was man ihm gerade in den USA oft vorwirft. Es scheint fast, als wolle er das Image des unverbindlichen Schönredners und Utopisten abstreifen.

Andererseits: Schon immer verbinden sich mit dem Friedensnobelpreis Hoffnungen und Wünsche auf eine bessere Welt, ein Stück Naivität und ein fast religiöses Sehnen, wie es kalte Realisten und Machtpolitiker nie ganz ernst genommen haben. «Ohne Hoffnung und Glauben können jedoch die Menschen nicht leben», hieß es 1971 in der Laudatio auf Friedensnobelpreisträger Willy Brandt. Und Stifter Alfred Nobel wusste schon vor mehr als 100 Jahren: «Ich würde einem Mann der Tat nichts hinterlassen, er würde dadurch in Versuchung geraten, mit Arbeiten aufzuhören. Dagegen möchte ich Träumern helfen, die es schwer haben, sich im Leben durchzusetzen.»

Barack Obama hat sich am Donnerstag in Oslo nicht als Träumer präsentiert, sondern als Realpolitiker. Seine Fans in der Welt, auch die jungen Menschen vor dem Grand Hotel, dürften es bedauern.

Nobelpreis / International / Obama
10.12.2009 · 22:54 Uhr
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