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Analyse: Pflichttermin im Nieselregen

Kanzlerin Merkel und Präsident Hollande begrüßen sich in Reims. Foto: Jacky NaegelenGroßansicht

Paris (dpa) - Warme Worte und Küsschen: Bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der deutsch-französischen Versöhnung in Reims gaben sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident François Hollande betont herzlich. Im Hintergrund knirscht es aber weiter gewaltig zwischen den beiden.

Ein Europa, das Berlin und Paris derzeit mehr trennt, als dass es verbindet - dies musste als nüchterner Rahmen der Gedenkfeier gesehen werden. Ausgerechnet in einem Interview zum 50. Jahrestag der Versöhnung machte Hollande noch einmal deutlich, dass er vom bisherigen Kurs beider Länder abrücken will.

«Wir dürfen unsere Beziehung nicht wie ein Führungsgremium auffassen, das dafür sorgt, dass Frankreich und Deutschland alleine für Europa entscheiden», sagte er. Im Klartext: Merkel brauche gar nicht erst versuchen, ihn für deutsch-französische Alleingänge zu gewinnen.

Hollande übte im gleichen Zug erneut Kritik am Kurs der deutsch-französischen EU-Politik unter dem Duo Merkel-Sarkozy. «Ich bin mir nicht sicher, ob es so gewollt (...) war, aber manchmal konnten sich bestimmte Länder ausgegrenzt fühlen oder sie waren gezwungen, einen Kompromiss zu akzeptieren, der bereits von unseren zwei Ländern ausgearbeitet war», sagte der erste Sozialist an Frankreichs Staatsspitze seit 1995.

Für Merkel wird das alles keine Überraschung gewesen sein. Spätestens beim EU-Gipfel Ende Juni konnte jeder sehen, dass sich die Kanzlerin auf Hollande nicht so verlassen kann wie sie sich auf seinen Vorgänger Nicolas Sarkozy verlassen konnte. Um seine Ziele zu erreichen, tat sich Hollande mit den EU-Südstaaten wie Spanien und Italien zusammen. Und er schritt nicht ein, als beide Länder von Merkel Zugeständnisse bei EU-Hilfen erzwangen.

Am Sonntag war von Spannungen freilich kaum etwas zu spüren. Seite an Seite feierten Merkel und Hollande die deutsch-französische Versöhnung vor 50 Jahren und nahmen es locker, dass der heftige Wind ihnen zeitweise «Sturmfrisuren» machte. Vor der traditionsreichen Kathedrale gab es Küsschen à la française, warme Worte der Freundschaft und sogar Autogramme für die trotz Schauerwetters gekommenen Schaulustigen. Die deutsch-französische Freundschaft könne nicht vererbt werden, sondern müsse mit jeder Generation erneuert werden, sagte Hollande. Merkel schloss auf Französisch mit den Worten: «Es lebe die deutsch-französische Freundschaft.»

Der Ort des Treffens war symbolträchtig. Am 7. Mai 1945 unterzeichnete die deutsche Wehrmacht in der im Ersten Weltkrieg schwer zerstörten Stadt die bedingungslose Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. Am 8. Juli 1962 feierten dann Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in der Kathedrale gemeinsam eine «Versöhnungsmesse». Die Begegnung der beiden Staatsmänner mündete wenige Monate später in den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, der bis heute den Rahmen für eine nie dagewesene Zusammenarbeit bildet.

Zum 50. Jahrestag warnte nun der Erzbischof die aktuellen Staatslenker vor einem zu leichtfertigen Umgang mit dem Erbe ihrer Vorgänger. «Die Herausforderung, die uns jetzt bevorsteht, betrifft nicht nur Frankreich und Deutschland, sondern auch Europa und die Rolle Europas in der Gemeinschaft der Nationen», sagte Thierry Jordan auf Deutsch bei der Gedenkfeier in der Kathedrale.

Andächtig lauschten Merkel und Hollande anschließend dem Schlusssatz der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach. «Eine neue Zeit kann beginnen», hatte Erzbischof Thierry Jordan zu diesem Stück gesagt. «In diesem Musiksatz ist alles friedlich.» Ob das Treffen in Reims eine neue Ära in den Beziehungen zwischen Berlin und Paris einleitet, erscheint fraglich. «Hollande und Merkel spielen Versöhnung», hatte die französische Tageszeitung «Le Figaro» bereits am Samstag zu dem Treffen getitelt.

Eine gewisse Symbolik konnte schließlich auch in der Dauer des Treffens gesehen werden. Während Adenauer 1962 fast eine ganze Woche in Frankreich verbrachte, kam Angela Merkel am Sonntag für gerade mal vier Stunden. Die Idee für einen zunächst angedachten deutsch-französischen Gipfel im Anschluss an das Mittagessen wurde fallengelassen. Für Merkel steht an diesem Montag eine offizielle Reise nach Indonesien an und sie musste zuvor zurück nach Berlin. Es gilt, Prioritäten zu setzen.

Geschichte / Deutschland / Frankreich
08.07.2012 · 21:36 Uhr
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