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Analyse: Papademos Griechenlands letzte Hoffnung

Die Schulden Griechenlands dürften nach einer neuen EU-Prognose in den nächsten Jahren völlig aus dem Ruder laufen. Archivfoto: Katerina MavronaGroßansicht

Athen (dpa) - Lucas Papademos ist kein großer Redner und kein Mann, der die Leute zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Aber der politisch unerfahrene Bankier ist die letzte Hoffnung Griechenlands.

Der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) soll mitten in der Schuldenkrise eine Regierung anführen, die die drohende Staatspleite abwenden und Griechenland in der Euro-Zone halten soll.

«Ich bin kein Politiker», räumte der 64-jährige Papademos am Donnerstag ein, nachdem Staatspräsident Karolos Papoulias ihm den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt hatte. «Ich habe mich den größten Teil meines Lebens mit Finanzdingen befasst.» Der kühle Rechner, der sich mit Zahlen und Bilanzen auskennt, weiß worauf er sich eingelassen hat: Griechenlands Schulden laufen aus dem Ruder und könnten nach einer Prognose der EU-Kommission 2012 unter Umständen gar knapp 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Die Arbeitslosenquote stieg nach Angaben der Athener Statistikbehörde auf 18,4 Prozent.

In Griechenland stehen nicht nur die Wirtschaft und Finanzen vor dem Ruin, sondern auch die Politik hat quasi ihren Bankrott erklärt. Die politischen Parteien sahen sich nicht mehr in die Lage, den Abwärtstrend aufzuhalten, und legten das Schicksal in die Hand von Papademos. Der Bankier ist einer der wenigen Griechen, die in der europäischen Finanzwelt einen Namen haben und geachtet werden. Aber er kennt sich nicht nur mit Aktien und Anleihen aus. Er weiß auch, dass in Griechenland neben der wirtschaftlichen auch eine psychologische Depression herrscht. «Wir müssen alle optimistisch sein, dass wir es schaffen können», machte er seinen Landsleuten Mut.

Papademos ist politisch an keine Partei gebunden. Von ihm heißt es aber, er stehe eher den Sozialisten nahe, weil er 1994 vom damaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Andreas Papandreou zum Chef der Athener Zentralbank ernannt wurde. Er gilt als der Architekt des Beitritts Griechenlands zur Euro-Zone.

Die Griechen nahmen es mit einer gewissen Erleichterung auf, dass ihr Land nach einem tagelangen Hickhack der Parteiführer eine neue Regierung bekommt, aber sie brachen nicht in Jubel aus. Die Bevölkerung weiß, dass Papademos ihr neue Opfer abverlangen wird. Zudem geht in Griechenland die Angst um, dass alle Rettungsbemühungen vielleicht schon zu spät kommen könnten: Wenn demnächst auch Italien seine Schulden nicht mehr begleichen kann und internationale Hilfe in Anspruch muss, könnte für Athen kaum noch genügend Geld übrig sein.

Die Regierung Papademos wird von den großen Traditionsparteien der Sozialisten (PASOK) und der Konservativen (ND) unterstützt. Der Bankier verdankt seine Nominierung aber auch der rechtslastigen Partei LAOS (Völkische Orthodoxe Gesamtbewegung). Deren Chef Giorgos Karatzaferis hatte am Mittwoch einen Eklat ausgelöst, als Sozialisten und Konservative dabei waren, den Parlamentspräsidenten Filippos Petsalnikos zum Regierungschef zu machen. Lauthals schimpfend verließ er ein Treffen der Parteichefs mit dem Staatspräsidenten. «Ich kehre nur zurück, wenn Papademos als neuer Regierungschef vorgeschlagen wird», sagte der LAOS-Chef.

Seine Partei ist nicht nur ultrakonservativ, sondern vertritt auch nationalistische und ausländerfeindliche Ziele. Nach einer Forderung von LAOS - die Abkürzung bedeutet zugleich «Volk» - sollen die rund eine Million Nicht-EU-Ausländer, die in Griechenland leben, möglichst schnell in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Die Partei ist die viertstärkste Fraktion im Parlament, gewinnt mit ihren populistischen Parolen aber ständig Wählerstimmen hinzu.

EU / Finanzen / Griechenland
10.11.2011 · 22:33 Uhr
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