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Analyse: Panoptikum der christlichen Wünsche

Bunte SchirmeGroßansicht
München (dpa) - Der typische Kirchentagsbesucher trägt Jeans, feste Schuhe, eine regendichte Jacke und einen Rucksack, den gern mit dem Logo vergangener Kirchengroßereignisse. Dazu bunte Schals, am liebsten in Kirchentags-Orange oder Pilgergrün.

Doch dann ist es mit den Gemeinsamkeiten auch schon vorbei. Die Vielfalt der Menschen beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München ist überwältigend. Alle sind sie mit unterschiedlichen Anliegen gekommen: Jugendliche, Familien, Kirchenvertreter, Homosexuelle oder ehemalige katholische Priester mit ihren Ehefrauen bis hin zum Arbeitskreis Hexenprozesse.

Was sie bewegt, kann man in den Messehallen bei einem Rundgang über die Agora, griechisch für Marktplatz, erleben und sich nebenbei noch mit jeder Menge religiöser Souvenirs eindecken, vom Rosenkranz über Bibeln bis hin zu Bierdeckeln mit christlichen Botschaften.

Warum nicht mit einem Religions-Check starten? «Sind wir Menschen ein Zufallsprodukt im Universum?» heißt es da, oder «Muss ich als Christ an den Teufel als Person glauben?». Sätze, die derzeit in der religiösen Szene von manchen vertreten werden und die mit dem Check kritisch hinterfragt werden sollen, sagt der Synodalbeauftragte der evangelischen Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels, Heiko Ehrhardt. «Unsere Welt ist voller Religion, aber das geht an den Kirchen weitgehend vorbei.» Überhaupt sei die Bereitschaft, sich auf organisierte Religion einzulassen, sehr gering. «Der kirchliche Bereich leidet unter einem massiven Vertrauensverlust und da wird auch wenig nach evangelisch oder katholisch differenziert.»

Als Grund sehen viele die Schlagzeilen über Missbrauch und Misshandlung, die in den vergangenen Wochen die katholische, aber auch die evangelische Kirche erschüttert hatten. Junge Katholiken wie der 18-jährigen Roman Theis aus Bad Nauheim bekommen dies zu spüren, wenn sie im Kreise Gleichaltriger ihren Glauben verteidigen müssen. «Im Moment ist es echt schwierig», gibt der Schüler zu. Ins Wanken gebracht hat ihn diese Debatte aber nicht. «Ich steh zu meinem Glauben, aber die Missbrauchsfälle sollen bitte aufgeklärt werden!»

Johannes Käser sieht die «Volxbibel» von Martin Dreyer als Chance, Jugendliche für die christliche Botschaft zu begeistern. «Gott kann alles, ist der Chef im Himmel. Bedankt euch bei ihm, weil er krasse Sachen getan hat», heißt es darin in einer neuen Version von Psalm 150. Konfessionelle Unterschiede kümmern den 29-Jährigen nicht, ebensowenig wie die Kirchenpolitik. «Solange die Leute im Glauben zusammen kommen und Jesus die vereinende Figur ist, ist mir eigentlich egal, was da so drumherum passiert.

Der christliche Glaube an sich ist auch für Burkhard Cramer das Wichtigste. In der lesbisch-schwulen Gottesdienstgemeinschaft kämpft er für mehr Anerkennung, vor allem auf Amtsebene. «An der Basis ist der Konflikt weniger da.» Auch wenn sich viele Homosexuelle von der Kirche abgewandt haben, bleibt Cramer seinem Glauben treu und fordert andere Homosexuelle auf, sich in ihren Pfarrgemeinden zu engagieren: «Initiative zeigen, nicht nur Bittsteller sein.»

Mehr Offenheit wünscht sich auch Barbara Kremmer von der Kirche. Die Liebe zu einem Priester hatte sie vor Jahren zur Initiativgruppe vom Zölibat betroffener Frauen geführt. Siebeneinhalb Jahre lebte das Paar heimlich, bis es den Weg an die Öffentlichkeit wagte. «Ich wünsche mir von der Kirche die Bereitschaft zum Gespräch, dass es kein Tabu ist, die Pflicht zum Zölibat infrage zu stellen», sagt die Erzieherin. Von mir aus darf jeder, der es will, im Zölibat leben, aber nicht dieses Kompaktpaket: Wenn ich Priester werden will, muss ich zölibatär leben.»

Kirchen / Kirchentag
13.05.2010 · 21:46 Uhr
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