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Analyse: Palme von Cannes Balsam für Thailands Seele

Apichatpong Weerasethakul hat mit seinem Film «Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives» die Goldene Palme errungen.Großansicht
Bangkok (dpa) - Für das von politischen Unruhen geschüttelte Thailand hätte der Gewinn der Goldenen Palme in Cannes zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können.

Nach den monatelangen Protesten gegen die Regierung und der Militäroffensive vergangene Woche sind viele Thailänder über ihre tief gespaltene Gesellschaft verzweifelt und fürchten nach den Gewaltbildern, die um die Welt gingen, um den Ruf ihres Landes in aller Welt. Der Sieg von Regisseur Apichatpong Weerasethakul mit dem Film «Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives» war Balsam auf die wunde Seele der Thailänder. «Ich hatte ihm gerade noch eine SMS geschrieben: Das thailändische Volk braucht Deinen Sieg», freut sich Ing Kanjanavanit, eine unabhängige Filmproduzentin in Thailand.

Apichatpong (39) gehört zu den unbequemen Filmemachern in seiner Heimat. Er fasst gerne Tabu-Themen an wie Homosexualität. Viele seiner Filme sind verboten. Der Regisseur wettert auch gegen die strenge Zensur und pocht auf Wandel - ein bisschen wie die Demonstranten, die in Bangkok zwei Monate gegen die Regierung von Gnaden des Establishments und gegen Ungleichheit in einem Land kämpften, dessen Geschicke seit langem von wenigen einflussreichen Familien bestimmt werden. Auch Apichatpong prangert die überall gegenwärtige Doppelmoral an, die den Reichen mit den Beziehungen immer Vorteile gegenüber «dem kleinen Mann» verschafft.

Im April protestierte er, weil einer der bekanntesten und bestvernetzten Regisseure den Löwenanteil einer Filmförderung bekam. Chatri Chalerm erhielt zwei Drittel der 300 Millionen Baht (7,4 Millionen Euro). Er produziert damit den dritten Teil einer Serie über einen thailändischen König, der 1548 die Birmanen besiegte. Das Geld war dafür gedacht, die Kreativität im Land zu fördern.

Apichatpong, der wohl bekannteste unter den unabhängigen Filmemachern, bekam 87 000 Euro aus dem Topf, monierte aber, dass nicht mehr Geld an jüngere und unbekanntere Filmemacher ging. Dass der unbequeme Kritiker überhaupt bedacht wurde, hat viele gewundert, sagt Ing. «Sie wollten die unabhängigen Filmemacher ruhig stellen, indem sie dem größten Hund einen Knochen hinwarfen», meint Ing. Ihr eigenes Projekt «Thai McBeth» ging leer aus. Aber Apichatpong hat sich nicht ruhig stellen lassen. In Cannes prangerte er die Zensur an, die die Entwicklung der heimischen Filmszene behindert.

«Was er über die Hürden und Hindernisse sagt, stimmt völlig», sagt Kraisak Choonhavan, Mitglied der regierenden demokratischen Partei. «Die Zensoren denken, die Thailänder sind wie Kinder. Das System ist so repressiv, dass an eine Filmindustrie wie etwa in Korea hier nicht zu denken ist.» Wenn in einem Film der Arzt die Krankenschwester küssen soll, muss vorher die Genehmigung des Ärzteverbandes eingeholt werden, wenn ein Mönch vorkommen soll, darf der Buddhistenverband ein Wörtchen mitreden.

«Apichatpong hat Glück, er hat viel Unterstützung im Ausland», sagt Brian Bennet, Gründer des Bangkoker Filmfestivals. Wie zum Beispiel in Cannes. Dort tauchte 2002 erstmals einer seiner Filme auf («Blissfully Yours») und gewann einen Preis in der Sektion Un Certain Regard für innovative Filme. 2004 bekam er für «Tropical Malady» den Jury-Preis, und 2008 saß er selbst in der Jury in Cannes.

Film / Festivals / Frankreich / Thailand
24.05.2010 · 12:39 Uhr
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