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Analyse: Odenwaldschule will schnelle Aufklärung

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Heppenheim (dpa) - Im Sekretariat der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim steht an diesem Montag das Telefon nicht still. Mitarbeiterin Anja Suhr muss eine Frage nach der anderen beantworten.

«Das kann ich Ihnen noch nicht genau sagen», gesteht sie. Sie weiß noch nicht, was dieser Tag bringen wird. Nach dem Bekanntwerden von zahlreichen Missbrauchsfällen ist an dem Elite-Internat nichts mehr so wie es war.

Jeden Tag werden neue Verdachtsfälle bekannt. «Das wird so weitergehen» befürchtet Direktorin Margarita Kaufmann. Sie zeigt sich erschüttert, dass nun auch eine Frau betroffen ist. «Die Erlebnisse waren so schlimm, dass die ehemalige Schülerin am Telefon weinen musste», sagt die Schulleiterin in ihrem Büro. Sie korrigiert noch einen Brief, der an diesem Montag an alle 900 ehemaligen Schüler der infrage kommenden Jahrgänge 1970 bis 1985 verschickt wird. Darin entschuldigt sich die Schule und bietet Hilfe an. Außerdem gibt es noch Gespräche mit Eltern.

Die 54 Jahre alte Schulchefin hat sich zu einer Vorwärtsstrategie entschlossen. Das Geschehene soll offen angesprochen werden. Wer an diesem sonnigen Wintertag auf Schüler zugeht, bekommt bereitwillig Auskunft. «Die Missbrauchsfälle sind von Lehrern schon des öfteren angesprochen worden», berichtet Matthias Dzsida. Der 18-Jährige ist seit 2005 an der Odenwaldschule. «Ich fühle mich hier wohl», sagt der junge Mann, der leger gekleidet ist wie andere Schüler heutzutage.

Dzsida gehört zur «Familie» von Schulleiterin Kaufmann. «Familie» heißen hier die Schulklassen. Lehrer und Schüler sind per Du und leben eng zusammen. Den Umgang der Direktorin mit den Missbrauchfällen findet der Schüler gut. Es werde nichts unter den Teppich gekehrt. «Frau Kaufmann hat sich schon gekümmert.» Kann er sich derartige Übergriffe heute vorstellen? «Nein, überhaupt nicht.»

Jan Heißler sieht das genauso. «Es ist gut, dass sich die Schule mit den Missbrauchsvorwürfen auseinandersetzt», sagt der 20-Jährige. Auch er ist wie Dzsida seit 2005 dabei und gehört ebenfalls zu Kaufmanns «Familie». Die Vorwürfe übersteigen seine Vorstellungskraft. «Das ist ja alles ziemlich übel», schildert er seine Gefühle. Auch er berichtet, wie sehr sich Kaufmann um eine offene Aufklärung bemühe. «Sie telefoniert die ganze Zeit.»

Vor dem Sekretariat liegen auf Stühlen Packen von Zeitungen. Schüler kommen und lesen die Berichte über ihr Internat. An der Eingangstür zum Büro hängt ein großes Plakat, das auf die bald geplante 100-Jahr-Feier der Odenwaldschule im April hinweist. «Was machst Du?» werden die Schüler zum Mitmachen aufgefordert. In diesem Moment scheint alles wie immer. Auch der Postbote ist gut gelaunt. Ein kurzer Plausch über die große Politik, dann geht er weiter - mit einem aufmunternden «Tschüss».

Wer die idyllisch an einem Berghang gelegenen Häuser der weitläufigen Odenwaldschule erreichen will, muss von Heppenheim aus eine sich mehrere Kilometer lang hinaufschlängelnde Straße benutzen. Das Elite-Internat ist ein Dorf für sich. So sieht es auch einer der wenigen direkten Nachbarn. «Das ist nicht unsere Welt», meint Hans-Peter Keller (70), als er auf die Schule und die Missbrauchsfälle angesprochen wird. «Wir wohnen hier nur.»

[Odenwaldschule]: Ober-Hambach, Heppenheim

Kriminalität / Schulen
08.03.2010 · 17:14 Uhr
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