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Analyse: Obamas riskante Doppelstrategie

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Washington (dpa) - Seine Miene spricht Bände, die Gesichtszüge sind angespannt - das ist nicht mehr der ewig lächelnde, junge Präsident. Seine Worte klingen hart, die Sätze militärisch-knapp. «Wir haben nicht um diesen Kampf gebeten», sagt US-Präsident Barack Obama an diesem Abend.

Hier spricht nicht der Mann, der in ein paar Tagen den Friedensnobelpreis erhält. Vor den Kadetten der ehrwürdigen Militärakademie West Point ist Obama ganz in die Rolle des «Commander-in-Chief» geschlüpft. Spätestens jetzt wird klar: Afghanistan, der Krieg, der seit acht Jahren tobt und schon über 920 US-Soldaten das Leben gekostet hat, ist nun auch zu «seinem Krieg» geworden.

Weitere 30 000 Mann nach Afghanistan - das bedeutet eine Verdreifachung der Truppenzahl seit Obamas Amtsantritt im Januar. «Mit dieser Rede hat der Präsident den Konflikt wirklich zu seinem eigenen gemacht», kommentiert die «Washington Post». Der Präsident weiß: Mit dem «erfolgreichen Ende» des Krieges, das er an diesem Abend beschwört, ist von nun an auch sein eigenes politisches Schicksal verbunden. Insider in Washington sprechen von der «größten Truppenaufstockung» seit Beginn des Irak-Krieges. Das Risiko für Obama ist hoch - nicht mal in seiner eigenen Partei stehen alle hinter ihm.

Tatsächlich setzt Obama in diesem Krieg, den die Amerikaner immer skeptischer beurteilen, auf eine geschickte «Doppelstrategie»: Er spricht von Truppenaufstockung und Rückzug zugleich, von massiver militärischen Offensive und Ausweg aus dem Krieg in einem Atemzug. Anfang 2010 mehr Truppen rein - ab Sommer 2011 die ersten schon wieder raus. «Eskalation bei gleichzeitiger Exit-Strategie», heißt das schillernde Stichwort. Unter allen Umständen will Obama verhindern, dass Afghanistan zu einem «zweiten Vietnam» wird. Fast beschwörend ruft Obama: «Amerika hat kein Interesse, einen endlosen Krieg zu führen.»

Im Kern, mutmaßt die «New York Times», will der Präsident es mit seinem Balanceakt allen Recht machen. Auch das Wahljahr 2012 dürfte der Präsident bereits im Blick haben. Heimkehrende Soldaten, die ihren Ehefrauen und Kids in die Arme fallen - solche Bilder machen sich im Wahlkampf immer gut. Doch Obama läuft zugleich Gefahr, «weder Freunde noch Kritiker zufrieden zu stellen». Schon heute steht fest: Wenn Obama in den nächsten Monaten im Kongress um mehr Geld für die Truppenaufstockung bitten muss, dürfte es heikel werden.

Obama setzt ganz auf das «Beispiel Irak». Dort hatte die Truppenaufstockung von 2007 an zu beachtlichen Erfolgen geführt. George W. Bush folgte damals den Forderungen seiner Generäle - trotz beißender Kritik vor allem aus dem demokratischen Lager. Jetzt setzt Obama auf dieselbe Karte - die Truppenaufstockung im Irak, die sogenannte «Surge», hatte er abgelehnt, weil er den Krieg ablehnte. Doch Afghanistan ist anders. «Wenn ich nicht denken würde, dass die Sicherheit der Vereinigten Staaten und des amerikanischen Volkes auf dem Spiel stünde, würde ich frohen Mutes jeden einzelnen Soldaten schon morgen nach Hause befehlen.» So markig und zugleich einfühlsam spricht der Oberkommandierende Obama.

Doch der Präsident hatte seine Rede in West Point noch nicht gehalten, da stand er schon im Kreuzfeuer der Kritik - aus beiden politischen Lagern. Sein republikanischer Widersacher im Präsidentenwahlkampf, John McCain, brandmarkt Zeitpläne für den Abzug als schlichtweg gefährlich. «Man gewinnt Kriege, indem man den Willen des Feindes bricht, nicht, indem man den Zeitpunkt verkündet, zu dem man abziehen will», sagt der Vietnam-Veteran.

Mancher Demokrat ist nicht viel glücklicher. Wenn es in unserem Kampf wirklich um El Kaida geht, dann sind wir im falschen Land», ätzte der Abgeordnete Jim McGovern. Obama laufe Gefahr, in einem «Sumpf» am Hindukusch zu versinken, sekundierte die Abgeordnete Jan Schakowsky. Und nicht wenige sind höchst skeptisch, ob der Regierung von Hamid Karsai überhaupt zu trauen ist.

Scheitern ist keine Option für Obama - und für die Welt, sind sich Experten sicher. «Was er in Afghanistan tut, wird seine erste Amtszeit bestimmen und entscheiden, ob er eine zweite bekommt», prophezeit Bruce Riedel vom Saban-Zentrum für Nahost-Politik in Washington. Behalten Taliban und El Kaida die Oberhand, «werden die Folgen enorm sein, vor allem für Pakistan». Denn dort gebe es nicht nur mehr Terroristen pro Quadratkilometer als in jedem anderen Land der Erde, sondern auch das am schnellsten wachsende Atomwaffenarsenal der Welt.

«Wollen Sie wirklich der neue "Kriegspräsident" sein», fragt ihn der Filmemacher Michael Moore in einem offenen Brief. «Kriegspräsident» - ein hässliches Wort, das Obama nicht gerne hört. In ein paar Tagen, am 10. Dezember, wird Obama nach Oslo reisen. Ein Präsident, der kurz vor der Verleihung des Friedensnobelpreises die Eskalation eines Krieges beschließt - eigenartig ist das schon.

Konflikte / USA / Afghanistan
02.12.2009 · 23:02 Uhr
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