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Analyse: Obama will in die Geschichtsbücher eingehen

US-Präsident Barack Obama bei seiner Ankunft in Prag.Großansicht
Washington (dpa) - Die Burg in Prag ist nicht zum ersten Mal Kulisse für einen seiner großen Auftritte. Es ist ein Jahr her, dass Barack Obama hier seine Vision verkündete. «Als einzige Atommacht, die Nuklearwaffen eingesetzt hat, haben die USA eine moralische Pflicht zu handeln.»

Selbst engste Verbündete waren überrascht: Obama, der Mann, der nach Jahrzehnten die Abrüstung wieder auf Tagesordnung der Weltpolitik setzte - und gleichsam im Handumdrehen den Führungsanspruch der USA formulierte. Ein echter Obama-Coup.

Der Mann aus dem Weißen Haus löste damit Begeisterung in Europa aus, mutig spannte er den rhetorischen Bogen: «Es ist eine seltsame Wendung der Geschichte: Die Gefahr eines weltweiten Atomkrieges hat sich verringert, das Risiko eines atomaren Angriffs ist gestiegen.» Es ist nicht die Konfrontation mit anderen Staaten, die Obama Angst macht. Es sind «die Terroristen, die entschlossen sind, eine solche Waffe zu kaufen». Wenn Obama heute von Abrüstung spricht, hat er neben der «klassischen» Reduzierung der Atomwaffenarsenale vor allem den Schmuggel mit spaltbaren Material im Auge, den blühenden Schwarzmarkt, auf dem sich Fanatiker und Extremisten bedienen können.

Auch den START-Vertrag sieht Obama als eine Art Stopp-Schild für all diejenigen dunklen Kräfte, die nach Nuklearwaffen streben. «Die tiefere Bedeutung ist die Delegitimierung von Nuklearwaffen», meint Kenneth Luongo, Chef der Organisation «Partnership for Global Security». START ist lediglich als erster Schritt konzipiert, «als ein Schlüssel, der für eine ganze Reihe von weiterer Schlösser passen sollte», wie das Washingtoner Council on Foreign Relations meint. Ein erster Testfall auch, wie es um die Beziehungen zwischen Moskau und Washington bestellt ist - die Atomprogramme im Iran und in Nordkorea immer fest im Blick. Denn Obama ist klar, ohne die helfende Hand Moskaus hat er keine Chance, die Daumenschrauben gegen Teheran anzuziehen.

Immerhin, die nächsten Stationen auf dem langem Marsch stehen schon fest. Bereits zum 12./13, April hat Obama zum Nukleargipfel in Washington geladen, 45 Staats- und Regierungschefs sollen kommen, vermutlich «der größte Gipfel, der jemals in Washington stattfindet», mutmaßen Insider.

Obamas Ziel: Innerhalb weniger Jahr will er es erreichen, dass riskantes Nuklearmaterial überall auf dem Globus in sicheren Händen bleibt; Russland gilt dabei als wichtigster Partner. Ein weiterer wichtiger Schritt: Washington ist derzeit dabei, die eigene Nuklearstrategie zu überarbeiten.

Es heißt, die Neuformulierung befindet sich in der Endphase. Es kursieren bereits Berichte, wonach das eigene Arsenal um Tausende Atomwaffen verringert werden könnte, auch in Deutschland stationierte Atomwaffen könnten betroffen sein. Allerdings, allzugroße Vorfreude ist nicht angesagt. Auch in der neuen US-Nuklearstrategie soll die nukleare Abschreckung bis auf weiteres ein zentraler Bestandteil bleiben, auch auf die Option auf einen Erstschlag wollen die USA nicht verzichten.

Insider in Washington berichten, Obamas Vision der atomwaffenfreien Welt stoße auf nicht unerheblichen Widerstand konservativer Pentagonkreise sowie der «Nuklearelite» in Washington, die auf den «big stick», den großen Knüppel, nicht verzichten wollen. Wie sagte Obama in Prag vor einem Jahr? «Ich bin nicht naiv. Das Ziel ist nicht rasch zu erreichen. Vielleicht auch nicht in der Zeit meines Lebens.» So sprechen Visionäre, die in die Geschichtsbücher eingehen wollen.

Verteidigung / USA / Russland
08.04.2010 · 11:23 Uhr
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