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Analyse: Nobelpreis für drei Ikonen der Demokratie

Addis Abeba/Kairo (dpa) - Die wichtige Rolle von Frauen bei der Lösung von politischen Konflikten und der Bewältigung von Kriegsschäden wurde lange unterschätzt.

Jetzt hat das Nobelpreis-Komitee drei Protagonistinnen der Demokratiebewegung in Afrika und der arabischen Welt die Aufmerksamkeit zuerkannt, die sie verdienen: Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf (72) und die Menschenrechtlerin Leymah Gbowee (39) aus Liberia sowie Tawakkul Karman (32), eine der Vorreiterinnen der Protestbewegung im Jemen.

Die drei sehr unterschiedlichen Frauen teilen sich den Nobelpreis für ihre Bemühungen um Gerechtigkeit, Fortschritt und Frieden - und auch das Preisgeld in Höhe von zehn Millionen schwedischen Kronen (knapp 1,1 Millionen Euro). Gesehen haben sie sich noch nie. Der Name Karman war auch für Experten eine große Überraschung. Das erste Mal zusammentreffen werden sie bei der Preisverleihung am 10. Dezember.

Viele mag es auch überrascht haben, dass zwei der Preisträgerinnen nicht einmal 40 Jahre alt sind - ihre Arbeit aber hat bereits mehr bewirkt, als manch anderer Friedenskämpfer in einer ganzen Lebenszeit geschafft hatte.

Zwei Preisträgerinnen kommen aus Liberia, jenem ehemaligen Sklavenstaat an der westafrikanischen Atlantikküste, dessen Name übersetzt «Land der Freiheit» bedeutet. Frei war in dem kleinen Land aber lange Zeit niemand. Unter dem Despoten Charles Taylor waren fast 15 Jahre lang Verbrechen gegen die Menschlichkeit an der Tagesordnung. Das Land stand am Rande des Ruins, als Johnson-Sirleaf 2006 als erste afrikanische Präsidentin vereidigt wurde.

«Wenn Deine Träume Dir keine Angst machen, dann sind sie nicht groß genug», sagte die Harvard-Absolventin einmal. Sie träumte groß - und handelte, wie man es von einer «Eisernen Lady» (so ihr Spitzname) erwartet. Integer, willensstark und unbeugsam ging sie die Herkulesaufgabe an, ihr Heimatland Schritt für Schritt wieder aufzubauen. Die Wiedereingliederung von früheren Kindersoldaten stand ganz oben auf der Agenda der vierfachen Mutter und achtfachen Oma.

Dass ihr als Frau dabei eine besondere Rolle zufiel, war Johnson-Sirleaf klar. Ihre Amtszeit begann sie mit den Worten: «Dies öffnet die Tür für Frauen auf dem gesamten Kontinent. Und ich bin stolz darauf, dass ich diejenige bin, die die Tür öffnet.» Eine weitere Tür - zu Versöhnung und Dialog - machte sie auf, indem sie maßgeblich an einer «Wahrheits- und Versöhnungskommission» zur Aufarbeitung von Liberias Geschichte mitwirkte.

In diese Kommission wurde auch die 1972 ebenfalls in Monrovia geborene Leymah Gbowee berufen, die sich trotz ihrer Jugend bereits einen Namen als engagierte Bürgerrechtlerin gemacht hatte. Die ehemalige Streetworkerin, die in den USA studierte, wurde bereits 2001 Koordinatorin der Organisation «Women in Peacebuilding». Nur ein Jahr später gründete sie die Bewegung «Women of Liberia Mass Action for Peace».

Sie mobilisierte zahlreiche Frauen und Mütter, die bei gewaltfreien Protestaktionen gegen Taylor demonstrierten. Symbolisch trugen alle Teilnehmerinnen weiße Kleidung - als Zeichen für Reinheit und Friedenswillen. Unermüdlich setzt sich Gbowee auch weiterhin für den Wiederaufbau Liberias ein.

Menschenrechte, Demokratie und Meinungsfreiheit - das sind auch Grundsätze, an denen sich Tawakkul Karman orientiert. Was einfach klingt, erfordert in ihrem Heimatland Jemen viel Mut. Die Journalistin wurde schon von vielen Seiten angefeindet. Das Regime von Präsident Ali Abdullah Salih versuchte, sie mundtot zu machen. Radikale Islamisten werfen der kämpferischen Mutter vor, Frauen zur Rebellion gegen ihre Männer anzustacheln.

Dabei ist Karman, die 2005 einen Journalistinnenverband gründete, sogar Mitglied der reformorientierten Islamisten-Partei Al-Islah. Doch hat sie vor Jahren schon den schwarzen Gesichtsschleier abgelegt, der im Jemen verbreitet ist. Seither zeigt sie ihr Gesicht, stets umrahmt von einem bunten Kopftuch.

Karman wurde 1979 in der Provinz Tais geboren. Später zog ihre Familie in die Hauptstadt Sanaa, wo sie 2000 ihr Politik-Studium mit dem Magistertitel abschloss. Schon in den ersten Tagen der jemenitischen Revolution im Januar 2011 - noch bevor die großen Proteste begannen - wurde sie vorübergehend festgenommen. Doch weder diese Episode noch die Gewalt der Regierungstruppen konnte sie abschrecken.

«Der Tag wird kommen, wenn diejenigen, die Menschenrechte verletzt haben, dafür bezahlen müssen, was sie dem Jemen angetan haben», sagte sie der «Yemen Times». Für Karman ist nun der Tag gekommen, an dem sie die Früchte ihres Engagements erntet. Freunde, die sie gut kennen, trauen ihr aber noch mehr zu - auch dass sie nach einem Regimewechsel im Jemen als Politikerin eine führende Rolle übernimmt.

Nobelpreise / International / Liberia / Jemen
07.10.2011 · 21:43 Uhr
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