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Analyse: Nobelkomitee reizt den Drachen

Peking/Oslo (dpa) - Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Die kommunistische Führung sah in der Verleihung des Friedensnobelpreises an den Bürgerrechtler Liu Xiaobo eine schwere Provokation, während pro-demokratische Aktivisten in Peking vor Freude spontan feierten.

Mit harter Hand ging die Polizei sofort gegen Sympathiebekundungen vor, die aus mehreren Stellen der Hauptstadt berichtet wurden. Mindestens 20 Teilnehmer wurden festgenommen. Ein Großaufgebot von Polizei und Staatssicherheit riegelte den Wohnkomplex mit dem Appartement von Liu Xiaobos Frau ab. Die 50-jährige Liu Xia konnte nur über Telefon verkünden: «Ich bin glücklich.»

Dutzende Sympathisanten hatten sich vor den Toren unter rund hundert Journalisten und Kamerateams gemischt, während Agenten der Staatssicherheit neben Uniformierten argwöhnisch über die Menge wachten. Der chinesische Polizeistaat zeigte wieder sein hässliches Gesicht. Kein Zweifel, mit der erstmaligen Verleihung eines Friedensnobelpreises an einen chinesischen Dissidenten steigt der innenpolitische und internationale Druck auf Chinas Regierung. Das Außenministerium fand empört, dass die Auszeichnung eines «Kriminellen» wie Liu Xiaobo eine Verhöhnung des Nobelpreises sei.

«In ihren Augen sind es Kriminelle, die ins Gefängnis gehören», sagt der Bürgerrechtsanwalt Teng Biao der Nachrichtenagentur dpa. «Für die internationale Gemeinschaft sind es aber Helden - Schlüsselfiguren für einen demokratischen und friedlichen Wandel.» Dabei hat Liu Xiaobo seinen unverhofften Aufstieg zum Friedensnobelpreisträger genau diesem Regime zu verdanken, das ihn durch die ungewöhnlich hohe Haftstrafe von elf Jahren für sein demokratisches Engagement praktisch zum Märtyrer machte.

Jetzt steht Liu Xiaobo auf einer Stufe mit dem Dalai Lama, dem religiösen Oberhaupt der Tibeter, oder dem südafrikanischen Bischof Desmond Tutu und der birmanischen Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. In Oslo meinten manche, dass jetzt vielleicht auch das Nobelkomitee selbst eine Auszeichnung für seinen Mut verdient habe.

«Wir wollen den Preis nicht nur an Menschenrechtler in kleineren und vielleicht nicht so einflussreichen Ländern vergeben», sagte Komiteechef Thorbjørn Jagland. Und er fügte nicht nur an die Adresse Pekings hinzu: «Das Nobelkomitee ist komplett unabhängig von Regierungen und Parlamenten.»

In den letzten Jahren war immer mal wieder durchgeklungen, dass dem norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg eine Auszeichnung mit Konfliktpotenzial gegenüber der neuen Weltmacht China nicht so gut passen würde. Es soll da durchaus auch sanften Druck gegeben haben. Jagland als sozialdemokratischer Parteikollege Stoltenbergs, Ex-Ministerpräsident und auch Außenminister, weiß sehr genau, welche Gedanken über Exportmärkte seinem früheren Kabinettskollegen durch den Kopf gehen.

Da sah es nach Vorwärtsverteidigung aus, als Komitee-Sekretär Geir Lundestad kurz vor der Bekanntgabe auch noch in der Öffentlichkeit klagte, die chinesische Vize-Außenministerin Fu Ying habe ihm im Sommer bei einer Oslo-Visite direkt einer Verschlechterung der norwegisch-chinesischen Beziehungen gedroht.

Aus der bewegten Geschichte des Friedensnobelpreises erinnerte das zwangsläufig an die Versuche der deutschen Nationalsozialisten, den Friedensnobelpreis an den Publizisten Carl von Ossietzky zu verhindern. Der durch lange Haft schwer kranke Pazifist bekam ihn 1936, nach den Olympischen Spielen in Berlin, rückwirkend für 1935 zugesprochen. Damals sorgten sich Osloer Regierungsmitglieder sehr wegen des unausweichlichen Zorns von Hitler und übten offen Druck auf das Komitee aus. Die Vergabe verzögerte sich, die Hoffnung auf Rettung durch den weltberühmten Ehrentitel aus Oslo erfüllte sich nicht mehr. Ossietzky starb am 4. Mai 1938 an den Folgen seiner Tuberkulose in Berlin.

Nobelpreise / International
08.10.2010 · 23:04 Uhr
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