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Analyse: Neue Dimension des Terrors

In der Bundesrepublik, Großbritannien, den USA und Frankreich wurde als Konsequenz aus den Bombenfunden der gesamte Luftfrachtverkehr aus dem Jemen gestoppt.Großansicht

Berlin (dpa) - Selbst deutsche Sicherheitskreise sprechen von einer neuen Dimension. Wohl zum ersten Mal wurde eine von Islamisten gefertigte Bombe im Flugzeug über Deutschland transportiert.

Die aus dem Jemen kommende Paketbombe, die nach ihrem Umschlag am Flughafen Köln/Bonn am East-Midlands-Airport in England entdeckt wurde und für die USA bestimmt war, gibt Rückschlüsse auf die technische Raffinesse der mutmaßlichen Al-Kaida-Terroristen.

Die Bundesregierung ist alarmiert und prüft nun Einfuhrverbote für Fracht nicht nur aus dem Jemen. Denn es ist unklar, ob die heiße Fracht ein Test war oder bereits ein Anschlagversuch.

Es ist schon ungewöhnlich, dass ein deutscher Innenminister eine lange geplante Israel-Reise absagt. Thomas de Maizière macht sich stattdessen am Montagnachmittag am Flughafen Köln/Bonn ein Bild von der Sicherheitslage im Frachtbereich. Hier wurde eines der zwei Pakete aus dem Jemen umgeladen. Der Minister hat eingeräumt, dass Luftfracht «relativ wenig» kontrolliert werde. Deshalb werde das Thema die EU-Innenministerkonferenz in dieser Woche beschäftigen.

Der Parlamentarische Verkehrsstaatssekretär Jan Mücke (FDP) warnt vor der Illusion absoluter Sicherheit: «Es ist bei dem jetzigen Frachtaufkommen praktisch unmöglich, die ganze Fracht zu scannen.» Und die mutmaßlichen islamistischen Terroristen wandten kaum zu entdeckende Methoden an. Der selbst für Spürhunde nicht zu riechende Sprengstoff PETN wurde in Toner-Kassetten von Druckern eingebaut.

Es gab einen sehr ausgeklügelten Zündmechanismus, Teile von Handys seien verwendet worden, heißt es aus Sicherheitskreisen. Es wird davon ausgegangen, dass das funktioniert hätte. Hoch professionell sei das präpariert gewesen, sagen Regierungsvertreter am Montag. Die 300 Gramm Sprengstoff, die in Frachtzentren in Dubai entdeckt wurden und die 400 Gramm, die über Deutschland und Großbritannien versendet wurden, hätten großen Schaden anrichten können, so die Einschätzung der deutschen Sicherheitsexperten.

Nicht so professionell scheint die internationale Zusammenarbeit bei der Aufdeckung des Terror-Plots gelaufen zu sein. Am Donnerstag um 22.56 Uhr, war das aus Jemen kommende Paket in Köln/Bonn gelandet. Am Freitagmorgen um 2.04 Uhr wurde es nach Großbritannien auf den Frachtumschlagsplatz East-Midlands-Airport weitergeleitet - eine halbe Stunde nachdem der saudi-arabische Geheimdienst das Bundeskriminalamt informiert hatte. Die Briten aber reagieren auf die Hinweise der Saudis zunächst nicht und werden um 03.59 Uhr von deutscher Seite über die Ankunft des Pakets informiert.

Von der ersten offiziellen Stellungnahme aus Großbritannien erfuhr die Bundesregierung dem Vernehmen nach erst am Samstagnachmittag aus der Presse. Als «überraschend» habe es die deutsche Seite empfunden, dass sich die Briten nicht gemeldet hätten. Die deutsche Seite habe auch Köln/Bonn als Frachtumschlag deswegen nicht genannt, «weil wir rückwirkend aufklären wollten». Daher sei es schlecht gewesen, dass die Briten Köln/Bonn erwähnten.

Wie kann nun künftig der schwer zu kontrollierende Bereich Luftfracht sicherer werden, zumal 60 Prozent der Pakete in Passagiermaschinen transportiert werden? Allein an den 23 internationalen Flughäfen in Deutschland wurden 2009 rund 3,6 Millionen Tonnen Luftfracht umgeschlagen. In der Regel kontrollieren der abfertigende Staat und die transportierenden Frachtunternehmen die Pakete. Im Fall der Jemen-Fracht wurde das Paket wohl auch geröntgt - doch der Sprengstoff ist auch durch per Durchleuchtung kaum zu erkennen.

Für die USA, die auch Kontrollen aller per Schiff transportierten Container fordern, und die EU stellt sich die Frage nach einer Balance zwischen Sicherheitsinteressen und Warenverkehr. Seit diesem Jahr gilt eine EU-weite Verordnung für eine sichere Lieferkette im Frachtverkehr. Aber Schwachstellen sind immer möglich, will man nicht das gesamte Verkehrs- und Transportwesen abwürgen. Als Beispiel nennt Staatssekretär Mücke die Terroranschläge auf Nahverkehrszüge in Madrid 2004. Man konnte als Konsequenz daraus auch nicht an jeder Haltestelle oder Bahnstation Sicherheitschecks einführen, betont er.

Terrorismus / USA / Großbritannien / Deutschland
01.11.2010 · 22:57 Uhr
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